Georg Forster und die Reisebeschreibung
1. Einleitung
2. Georg Forster und die
Reisebeschreibung
2.1. Die Bedeutung des Reisens im Leben Georg
Forsters
2.2. Forsters Auseinandersetzung mit Form und
Inhalt der zeitgenössischen Reisebeschreibung in Rezensionen
und eigenen Werken
3. Paris als Ziel der
Revolutionsreisen
3.1. 1789-1794: Deutsche Revolutionsreisende in
Paris
3.2. Stellung und Bedeutung Georg Forsters in
der Reiseliteratur der Französischen Revolution
3.2.1. Die Briefe an Therese Forster
3.2.2. Die "Parisischen Umrisse"
4. Fazit
1. Einleitung
In der Person Georg Forsters verbinden sich viele Strömungen und Vorstellungen seiner Zeit. Er war als wissenschaftlicher Assistent seines Vaters Reinhold Forster schon in jungen Jahren Mitglied der Expedition, die sich mit James Cook auf seine zweite Weltumsegelung begab. Hieraus leiteten sich unter Anleitung des Vaters seine vielfachen naturwissenschaftlichen und medizinischen Interessen ab. Er war Freimaurer, Reiseschriftsteller, Essayist und schließlich politischer Streiter für die Mainzer Republik im Jakobinischen Club zu Mainz. In dieser Stadt war Forster ab 1788 als Bibliothekar tätig.
Das
umfassende Interesse an allen Naturerscheinungen ist für die
Schriftsteller der Goethezeit (Goethe selbst mag das bekannteste
Beispiel gewesen sein) keine Seltenheit. Und doch ist die Person
Forsters durch verschiedene Aspekte seines Lebens und seiner
Werke hervorgehoben. Auffällig auf der einen Seite ist sein
Verhältnis zur deutschen Sprache, die in dieser Epoche zu
ihrer eigentlichen Blütezeit gelangte. Forster, in England
aufgewachsen, hatte als junger Erwachsener das Deutsche als
Muttersprache seines Elternhauses neu erlernen müssen. Aus
der Nähe zur englischen Sprache ergab sich seine, für
die damalige Zeit ungewöhnlich, moderne Stilistik. Zum
anderen ist die Konsequenz mit der er sich für die Sache der
Französischen Revolution einsetzte, zumindest als
ungewöhnlich für einen Schriftsteller in Deutschland zu
bezeichnen. Andere Revolutionsreisende, wie der Pädagoge
Joachim Heinrich Campe oder der Oldenburgische Beamte Gerhard
Anton von Halem, waren bemüht, ein ausgeglichenes
Verhältnis zu den Herrschenden herzustellen. Es galt: je
häufiger sie die Despotie im allgemeinen in ihren Briefen
nach Deutschland angriffen, desto häufiger wurde betont,
dass der eigene Kleinstaat, in dem im Lichte eines
aufgeklärten Herrschertums erstrahlte.
So fragwürdig die Relevanz der politischen Aktivitäten für den Rheinischen Nationalkonvent bei Forster auch gewesen sein mag; die Motivation dahinter und die Konsequenz mit der er sein Engagement für die Sache der Freiheit, auch noch in den Monaten des "terreur" in Paris immer wieder beschwor, machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Reisewelle der zuerst begeisterten, dann aber zunehmend skeptischen Revolutionsreisenden aus Deutschland. Nur wenige haben so konsequent wie Forster die Vorgänge zwischen den Septembermorden und der Guillotinierung der ersten Mitglieder der Wohlfahrtsausschusses beobachtet und kritisch kommentiert, dabei aber für die "Sache der Freiheit" Stellung genommen.
Das eher komplexe und schwierige Verhältnis zwischen Kritik und Verteidigung der Französischen Revolution in den späten Reisebeschreibungen Georg Forsters, wird im dritten Abschnitt dieser Arbeit besprochen. Ebenso soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit der Begriff "Reisebeschreibung" die publizistischen Arbeiten Forsters in Paris fasst. Dabei soll die Darstellung des Reiseverhaltens Forsters und die theoretische Durchdringung, die er durch seiner Rezensionsarbeit leistete, im zweiten Abschnitt der Arbeit zeigen, in welcher Art und Weise sich Stil, Inhalt und Form der Reisebeobachtungen im allgemeinen und speziell bei Forster veränderte. Für die in Paris verfassten Werke ist ein Bruch mit den traditionellen Formen der Reisebeschreibung zu konstatieren, der sich sowohl aus dem biographischen Hintergrund der Reise erklären lässt. Gleichzeitig ist dieser Bruch aber auch als Produkt einer Veränderung von Forsters Vorstellung zu verstehen, welchen Anforderungen eine Reisedarstellung zu genügen habe.
Der zweite Abschnitt konzentriert sich zudem auf die Ausgangsbedingungen für die Essayistik, die Georg Forster in Paris entwickelte. Hier sollen die Ursprünge aufgezeigt werden, die die unvollendeten "Parisischen Umrisse" in Form und Inhalt als das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung Forsters mit eigener und fremder Reiseliteratur erklären. Auch die Stellung des Reisens an sich, das sich als Seminarthema in den Sitzungen des Sommersemesters durch Kontinente und Jahrhunderte bewegte, soll im biographischen Zusammenhang beleuchtet werden. Forster, der Zeit seines Lebens auf die unterschiedlichsten Arten und zu den unterschiedlichsten Anlässen reiste, machte seine Reiseerfahrungen zu den Grundbedingungen seines literarischen Schaffens. In den schwierigen psychischen Situationen, mit denen sich Forster auf den Stationen seines Lebens in Kassel, Wilna, Mainz und Paris arrangieren musste, war ihm das Reisen der Dreh- und Angelpunkt eines ständigen Bemühens sich finanziell zu sanieren, neue kreative Anregungen für die schriftstellerische Arbeit vermittelt zu bekommen und im Erleben des Fremden den inneren Horizont neu abzustecken. Im Chaos der Revolutionsunruhen beschreibt Forster seiner Frau eine der verschiedenen Bemühungen, von offizieller Seite aus eine Expedition finanziert zu bekommen:
"(...) ich fange die Welt gleichsam von neuem an, ohne zu wissen, wie und womit, da ich von ganz Europa abgeschnitten, mit Schulden überhäuft, hier ohne alle Mittel, ohne alle Unterstützung, und fast ohne Aussicht bin. Ich habe mich anheischig gemacht, Alles anzunehmen, was man mir anbieten würde, wäre es auch eine Sendung nach St. Domingo oder Ostindien; allein in diesem ungeheuren Strudel wird jetzt das Individuum verschlungen, das keinen Rückhalt hat, um sich geltend zu machen, und vor Allem keine Unverschämtheit und Zudriglichkeit. Gelehrtes Verdienst oder selbst die Talente des Geschäftsmannes gelten jetzt nichts." 1
Die Hoffnung auf einen Neubeginn war in jeder Reise, die Forster in seinem letzten Lebensjahrzehnt unternahm, vorhanden. Aus dieser Hoffnung nährte sich seine innere Motivation, das Leben, das ihm nicht mehr viel zu bieten schien, trotzdem weiterzuleben. Die Perspektive, die Reisen bietet, wurde so zu einer Projektionsfläche für Lebensentwürfe, die eine finanzielle Unterstützung versprachen und den Geist mit Neuem beleben konnten. Diese Qualität des Reisens war bei Forster als grundsätzliche Intention stark ausgebildet. Reisen als ein Prinzip der Hoffnung begleitete ihn sein ganzes Leben lang.
2. Georg Forster und die Reisebeschreibung
2.1. Die Bedeutung des Reisens im Leben Georg Forster
Das Motiv des Reisens zog sich von frühster Jugend an durch das Leben Georg Forsters. Geboren am 26. November 1754 in dem Dorf Nassenhuben bei Danzig als erstes Kind des Predigers Reinhold Forster wuchs er in dem moorigen Gebiet an der Mottlau heran.
Die Kindheit war die beständigste Phase in seinem Leben. Ab 1765 bis zu seinem Tod 1794 sollte Georg Forster, immer mit Unterbrechungen von einigen Jahren, reisen. In der Zeit, in der er in Kassel, Wilna und Mainz sesshaft war, bemühte er sich um Reiseaufträge für das britische Königshaus oder die Zarin, am Ende seines Lebens schließlich für die französische Nationalversammlung.
Im
elften Lebensjahr nahm der Vater Georg mit auf eine
Inspektionsreise, die finanziert von der Zarin Katharina der
Großen, die Lage der Wolgasiedler untersuchen und ihre
Lebensumstände beschreiben sollte. Dies war die erste
große Reise, die der junge Georg unternahm. Ein Jahr
später, 1766, zog die Familie nach London um. Dort ereilte
den Vater die Aufforderung an der zweiten Weltumsegelung des
Kapitäns der englischen Admiralität, James Cook,
teilzunehmen. Reinhold Forster, der zuvor schon sein Predigeramt
wegen seiner naturwissenschaftlichen Neigung niedergelegt und nur
auf einen Ruf gewartet hatte, sagte auf der Stelle zu. Die
einzige Bedingung an die britische Admiralität: Der
älteste Sohn Georg sollte als wissenschaftlicher Assistent
mit an Bord genommen werden. Dies wurde ihm nicht verweigert. Am
13. Juli 1772 stachen die Schiffe in See. Auf Betreiben des
Vaters verbrachte Georg somit einen großen Teil seiner
Jugend auf Reisen.
Die drei Jahre, in denen Georg Forster mit der Besatzung der "Adventure" und der "Resoltion" unterwegs war, prägten sein Leben maßgeblich. In gesellschaftlichen Kreisen wurde aus dem unbekannten Sohn einer schottischen Emigrantenfamilie der Weltumsegler Georg Forster. Das Reisen machte ihn bekannt. Diese Erfahrungen und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit (die Forsters beschrieben auf der Weltumsegelung allein 75 bisher unbekannte Pflanzenarten) verhalfen ihm zu einem Renommee, das ihm Rufe nach Kassel und Wilna eintrug. So folgten auf Jahren der Unbeständigkeit, Jahre der Stagnation. Neben dem gesellschaftlichen Erfolg nährten die Erfahrungen der Reise aber auch die Sehnsucht, das Erlebte zu wiederholen. Vor allem in Zeiten größter seelischer Bedrängnis reiste Forster, um der Enge des gelehrten, bürgerlichen Daseins zu entgehen, das er als Professor und Bibliothekar führte. Rotraud Fischer schreibt dazu:
"Forsters Aufbrüche folgen steht's dem gleichen Muster: Enttäuschung und finanzielle Not, die seine Schaffenskraft lahmen, lassen ihn das Weite suchen." 2
Die "Ansichten vom Niederrhein", Forsters bekannteste Reisedarstellung in Deutschland, entstanden aus Anlass einer Reise nach London, deren Gründe, die Sammlung von publizistischem Material, kaum den Aufwand rechtfertigten, mit dem Forster die Reise betrieb. Die Briefe an seine Frau zeigen es deutlich:: Hier reiste jemand, um dem Gewohnten zu entgehen, das Auge über Neues wandern zu lassen und den Intellekt zu schulen. Für Forster war das Schreiben Zeit seines Lebens eine der Haupteinnahmequellen. Die Vermittlung der gewonnenen Reiseerfahrungen in Form von Reisebeschreibungen war eine verbreitete Form des Gelderwerbs, egal ob der Reisende schriftstellerische Talent besaß oder nicht: Er veröffentlichte seine Aufzeichnungen in der Gewissheit, diese einem Publikum zu unterbreiten, das begierig war, zu erfahren, wie es in anderen Kontinenten um die Kultur, Sitten und gesellschaftlichen Gepflogenheiten bestellt war. Reisebeschreibungen florierten auf dem europäischen Buchmarkt des 18. Jahrhunderts. Eigene Lebens- und Wertvorstellungen wurden lesender Weise, etwa im Sinne des aufgeklärten Reisens, mit dem Wahrgenommenen konfrontiert und verglichen. Das vergleichende Beobachten als die eigentliche Fortbewegung während des Reisens wurde auch in Handbüchern zum Reisen den Reiselustigen ans Herz gelegt. Reiseklugheit wurde gepflegt, die sich an den Maßstäben orientierte, die eine ökonomisch sinnvolle und erzieherisch wertvolle Reise garantierten und die Zielsetzungen der Unternehmung schon vor Antritt der Reise kritisch überdachten.
Die Reisen, die Georg Forster in jungen Jahren unternahm unterschieden sich jedoch grundlegend von dieser Form bürgerlichen Reisens. Es waren Auftragsreisen, die als Forschungsexpeditionen Neuland sichten, außereuropäische Hegemonialansprüche sicherten und Handelswege ausbauten. Sie unterschieden sich auch von den Reisen, die der erwachsene Forster nach Polen und Frankreich unternahm. Diese standen zum einen unter dem Zeichen einer anzutretenden Professur in Wilna, die von dem Gelehrten verlangte, dass er sich auf seiner Antrittsreise mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten des Landes vertraut machte und zum anderen unter den Parolen der Französischen Revolution, nach deren Prämissen Forster in den Jahren von 1792 bis 1794 politisch zu wirken versuchte.
Einzig die Reise von 1790, die Forster mit Alexander von Humboldt entlang des Niederrheins in Richtung England unternahm, lässt sich mit dem Stichwort "Reiselust" umschreiben und diente zu einem hohen Grade der Bildung der kleinen Reisegesellschaft. Forster reflektierte auf der Fahrt entlang des Rheins seine eigenen Wertmaßstäbe mit den Ansichten, auf die er in den bereisten Städten, Koblenz, Köln und Düsseldorf traf. In diesem Sinne erfüllt er die, in Wochenzeitschriften, wie den "Biedermann" propagierte Meinung vom nützlichen Reisen:
"Die Erfahrung der Fremde sollte nämlich vor allen die selbstverständlichen, eingefahrenen, inhaltlich verfestigten und kognitiv wie affektiv eindeutig besetzten Wertmaßstäbe, Wahrnehmungsmuster und Denkschablonen des Erfahrungssubjekts relativieren. Und an dieser für die Früh-Aufklärung in ihrer anti-traditionalen und anti-autoritären Ausrichtung zentralen Zielvorstellung hatte sich gerade die Reisepraxis auszurichten. So forderte der "Biedermann" programmatisch: 'Du musst in keiner anderen Absicht in fremde Länder gehen, als die Vorurteile deines Vaterlandes abzulegen." 3
Während die Reise im Schatten des Vaters noch stark vom wissenschaftlichen Anspruch der exakten Reisebeschreibung geprägt ist und die "Pariser Umrisse" von 1793 eher einer politischen Verteidigungsschrift für die Revolution in Frankreich gleichen, als einer Reisebeschreibung im Sinne der bürgerlichen Reisepraxis, ist "Ansichten vom Niederrhein" die Schrift Forsters, die den Ansprüchen der bürgerlichen Reiseerfahrung am ehesten entsprechen.
Forster erfuhr das Reisen in seiner Zeit in den verschiedenen Abstufungen, die ihm sein Stand und die finanzielle Lage, in der er sich befand, gestattete. Er reiste in vielfältiger Weise, mit dem Schiff, der Kutsche und zu Pferde und unter den unterschiedlichsten Bedingungen: In jungen Jahren unter der Aufsicht des Vaters als wissenschaftlicher Assistent, später in Deutschland unter den privaten Zielsetzungen des Gelehrten und schließlich in Frankreich als Politiker des Rheinischen Nationalkonvents.
2.2. Forsters Auseinandersetzung mit Form und Inhalt der zeitgenössischen Reisebeschreibung
Neben botanischen und zoologischen Forschungen befasste sich Georg Forster hauptsächlich mit den im 18. Jahrhundert populär gewordenen Reisebeschreibungen. Seine Biographie prädestinierte ihn in den Augen der Zeitgenossen für die kritische Beurteilung der wichtigsten Neuerscheinungen auf diesem Sektor. Auch Forster selbst bemühte sich Zeit seines Lebens um eine adäquate Erfassung der neusten Bücher auf diesem Gebiet. Er verfasste für vier Zeitschriften 4 anonym, wie es damals durchaus üblich war, Rezensionen, deren Hauptteil aus Reisebeschreibungen bestand. Der größte Teil seiner Kritiken stammt aus der Mainzer und Göttinger Zeit. In Göttingen verfasste er allein 21 Kritiken in einem Jahr, als Bibliothekar in Mainz sogar 75 Rezensionen.
In der intensiven Auseinandersetzung mit Reisebeschreibungen ging es Forster nicht nur um die Frage der Authentizität der berichteten Erlebnisse und der gewonnenen Einsichten, die er mit anderen Erzählungen verglich und an seinen eigenen Erfahrungen maß, sondern auch um deren Vermittlung, 5 das heißt, die Umsetzung der Erfahrungen in Form und Stil der schriftstellerischen Arbeit. In Forsters eigenem Werdegang lässt sich eine Entwicklung beschreiben, die diesen Prozess gut veranschaulicht.
Die "voyage round the world", Forsters erste Reisebeschreibung aus dem Jahre 1777 versucht den wissenschaftlichen Anforderungen der Zeit zu genügen, indem sie über topographische, botanische und zoologische Beobachtungen exakt informiert. Doch auch einem breiten Publikum gegenüber wollte der Autor verständlich sein und interessant erzählen. Die Vorrede der Reisebeschreibung verdeutlicht dies:
"Ein Reisender, der nach meinem Begriff alle Erwartungen erfüllen wollte, müsste Rechenschaft genug haben, einzelne Gegenstände richtig und in ihrem wahren Lichte zu beobachten, aber auch Scharfsinn genug, dieselben zu verbinden, allgemeine Folgerungen daraus zu ziehen, um dadurch sich und seinen Lesern den Weg zu neuen Entdeckungen und künftigen Untersuchungen zu bahnen." 6
In diesem Sinne versuchte Forster sowohl den wissenschaftlichen Anspruch zu wahren, der einen objektiven und unemotionalen Stil erforderte, als auch die persönlichen Beobachtungen, die der junge Gelehrte auf der Reise machte, im Sinne der Aufklärung, mit dem gesammelten Forschungsmaterial zu verknüpfen. Die Reisebeschreibung der Forsters gewann so gegenüber der exakten, aber trocken abgefassten Darstellungsweise, die den Stil der Aufzeichnungen von James Cook bestimmte, die Lebendigkeit einer, nicht nur auf die Fakten gerichteten Erzählweise. 7 Es ist dem jungen Forschungsreisenden anzumerken, dass die Darstellung der Sitten und Gebräuche der fremden Kulturen einer Weltsicht nachempfunden ist, die von der Aufklärung beeinflusst, darum bemüht war, andere Kulturen zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus zu respektieren.
Die Themengebiete der Reisebeschreibungen, die Forster in Deutschland rezensierte, waren breit gefächert und reichten von wissenschaftlichen Darstellungen im außereuropäischem Kontext bis hin zur privaten Reiselust, die das Erlebte in populärer Form aufbereitete. "Exotica" und Reisebeschreibungen wurden in Forsters Zeit viel gelesen und bildeten einen Schwerpunkt der Buchproduktion und des Leseinteresses. Der junge Forster bemühte sich, die Reisebeschreibung von Cooks zweiter Weltumsegelung im Stil des aufklärten, andere Lebens- und Religionsformen respektierenden, Naturforschers abzufassen. Die Darstellung sollte allgemein verständlich und trotzdem wissenschaftlich exakt sein. Die Bemühungen spannend und informativ zu schreiben, ergaben sich nicht nur aus der schriftstellerischen Ambition des jungen Forsters, ein in erster Linie wissenschaftliches Werk, allgemein verständlich abzufassen, sondern aus der permanenten Geldnot des Vaters. Die Reisebeschreibung sollte die Forsters aus einer finanziellen Notlage befreien. Dieser Umstand bestimmte Georg Forsters weitere schriftstellerische Produktion in erheblichem Maße. Viele der Artikel, Rezensionen, Übersetzungen und Reisebeschreibungen dienten dem Gelderwerb und waren Auftragsarbeiten.
Gegen Ende der 1780er Jahre trat eine Veränderung in Forsters Verständnis ein, wie eine Reisebeschreibung abgefasst sein und über was sie informieren sollte. Eine Rezension aus dem Jahre 1789 beschreibt Forsters Überlegungen, die Eingang finden sollten in die "Ansichten vom Niederrhein", jener zweiten Reisebeschreibung Forsters, die sich in Form und Inhalt grundlegend von der "voyage" unterschied. Forster beschreibt diese Neuerungen folgendermaßen:
"Ohne Rücksicht auf die Hilfsmittel, welche die Litteratur ihm (Dupaty d. Verf.) darbot, ohne den de la Lande und Volkmann zu durchblättern, ohne auch nur alles, Bedeutende oder Unbedeutende, was ihm während der Reise widerfuhr, und was sich seinen Augen darstellte, haarklein aufzuzeichnen, scheint also der Verf. blos dasjenige, was ihm merkwürdig war, was sein Herz und seinen Verstand interessirte, und auch alsdann vielmehr da& Verhältniß seiner Seelenkräfte zu den Dingen, als die Dinge selbst, schildern zu wollen." 8Das "Verhältnis der Seelenkräfte zu den Dingen" zu bestimmen, wird auch Forsters vorrangiges Interesse in den "Ansichten". Dieses Werk, das Forsters Reise aus dem Jahre 1790 beschreibt, ist bestimmt von der subjektiven Sicht des Autors und "erfüllt von politischer Spannung nach dem Ausbruche der Französischen Revolution (...), immer wieder durchbrochen von der Tendenz zu essayistischer Selbstaussage." 9 In dieser Reisebeschreibung verzichtet Forster auf die üblichen topographischen Hinweise und versucht in zeitweilig poetischer, zeitweilig kritischer Sprache die persönlichen Eindrücke der Reise zu verarbeiten. Eine wichtige Stellung in der Vermittlung zwischen Reiseerfahrung und Niederschrift nehmen die Briefe ein, die Forster während seiner Reise an Therese verfasste. Klaus Harpprecht zeichnet dieses neue poetische Sehen in seiner Forster-Biographie nach:
"Der Stolz der Landsleute möge es ihm verzeihen, rief er Therese gutgelaunt zu, dass er sich auf einer Fahrt durch den Rheingau eine Darstellung der glühenden Farben und gewaltigen Pflanzen von Borneo zur Verdeutschung vornahm, aber dann setzte er die Feder an, um den Blick auf die Ufer nachzuzeichnen. Jene Passage seines Briefes geriet ihm so poetisch und schwungvoll, dass er sie hernach fast ohne Änderung in seinen Reisebericht übernahm." 10
Die persönliche Korrespondenz Forsters bekommt unter diesem Gesichtspunkt eine neuen Stellungswert, auch in Bezug auf die späteren Briefe aus Paris. Sie dienen nur zu einem Teil der privaten Kommunikation mit der Ehefrau. Zum anderen Teil sind sie bewusst als literarische Reisebeschreibung abgefasst, die dem Schriftsteller als Gedankenstütze, bei einer späteren Niederschrift, behilflich sein sollen.
Die schriftliche Korrespondenz als Medium der Reisedarstellung ermöglichte Forster, bedingt durch die exponierte Entwicklung der Briefform im 18. Jahrhundert als hochliterarische Ausdrucksform, sowohl die auf der Gefühlsebene empfundenen besonderen Eindrücke der Reise auszudrücken, als auch kritischen und philosophischen Gedanken, die die Reise begleiteten, zu erfassen. Daher kam der Form des Briefes eine besondere Schlüsselstellung zu, die Forster unter anderem veranlasste, neben der privaten Korrespondenz mit Therese auch die "Parisischen Umrisse" als Brief-Essay zu gestalten.
3. Paris als Ziel der Revolutionsreisenden
3.1. 1789-1794: Deutsche Revolutionsreisende in Paris
Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution änderte sich das Reiseverhalten in Frankreich grundlegend. War Frankreich zuvor das Hauptziel der "Kavalierstour" 11, jener Reiseform gewesen, die junge Adelige zur standesgemäßen Einführung in die Adelsgesellschaft durch Europa machten, so nahmen jetzt diejenigen Reisen zu, die das aufgeklärte Bürgertum nach Frankreich unternahm. Joachim Heinrich Campe schrieb schon in den ersten Monaten der Revolution von 1789:
"Ich sehe es kommen, und ich ergötze mich zum voraus nicht wenig an den possirlichen Scenen, die wir darüber erleben werden, wie die verschiedenen Stände in Deutschland, besonders der erste und der dritte, ihre Gesinnungen in Ansehung der Franzosen nun einmal gegeneinander auswechseln werden. Bisher hatten wir Andern vom deutschen tiers-etat genug zu thun, der Abgötterei zu steuern, welche viele unserer Undeutschen Großen, die deutschen Sinn, deutschen Geist, deutsche Art und Kunst nicht kannten und nicht kennen zu lernen würdigten, mit allem, was französisch war, trieben (...) Jetzt wird das Blatt sich auf einmal, und ich erwarte bis zur Lächerlichkeit gänzlich umkehren. Jetzt, da die Franzosen einmal etwas Gutes und Vernünftiges gemacht haben (...), jetzt wird der deutsche tiers-etat es seyn, der sie und zwar gerade deshalb, gegen den ersten Stand und gegen dessen Schmeichler, die den Mantel nach dem Wind zu hängen lassen wissen, zu vertheidigen und zu beschützten wissen." 12
Schon vor dem Ausbruch der Französischen Revolution war die bürgerliche Reisekunst darauf ausgelegt, den Reisenden zu einem kritischen und wertvollen Mitglied der Gesellschaft zu machen. Der Reisende sollte sich nicht nur in seiner Profession schulen, sondern den Blick für die Gegebenheiten des Landes im Auge behalten. Das Ziel der Reise und deren Nutzen wurde kritisch hinterfragt. Reisen sollte nützlich werden. Diese Form des Reiseverhaltens stand stark unter dem Einfluss der Frühaufklärung und war bemüht sich in der Entwicklung eines bürgerlichen Selbstvertrauens von der adeligen Kavalierstour abzugrenzen.
Die grundsätzlich positive Aufnahme der Französischen Revolution im aufgeklärten, deutschen Bürgertum, wich in den folgenden Jahren einem kritischen, distanzierten Verhalten, das nach der Guillotinierung des Königs und den Monaten des "terreur" in offene Ablehnung umschlug. Doch zuvor setzte in den Jahren der konstitutionellen Monarchie 1789 bis 1792 ein reger Revolutionstourismus nach Paris ein. Revolutionsreisende konnte man von der erstürmten Bastille Souvenirs aus dem Mauerwerk brechen sehen oder als Zuschauer bei den Sitzungen der Nationalversammlung. An die Stelle der obligatorischen Stadtbesichtigungen trat nun der Besuch in einem politischen Club oder die Teilnahme an einer Revolutionsfeierlichkeit. 13 Forster selbst hatte an den Vorbereitungen zur Jahresfeier der Revolution auf dem Marsfeld gesehen und beschrieben. 14
Die Schwerpunkte des bürgerlichen Reiseverhaltens verschoben sich grundlegend. Die Motivation, aus der heraus sich das Reiseziel jetzt ergab, war grundsätzlich politisch bestimmt. Man reiste in die französische Hauptstadt, um das Revolutionsgeschehen zu beobachten und für die interessierte Öffentlichkeit literarisch aufzuarbeiten. Humboldt und Campe waren die ersten Reisenden aus Deutschland, die das revolutionäre Paris zu sehen bekamen und die Geschehnisse dokumentierten. Campe schickte regelmäßig Berichte an das "Braunschweiger Journal", später veröffentlichte er diese auch gesammelt in einem Tableau, das auf der Frühjahrsmesse 1790 erschien. Im gleichen Jahr reisten der Oldenburgische Beamte Anton von Halem, der Schriftsteller Kotzebue und andere nach Paris, um für einige Wochen das Revolutionsgeschehen vor Ort mitzuerleben. Andere, wie der Jurist Konrad Engelbert Oelsner, der Mediziner Georg Kerner und schließlich Georg Forster, blieben für Monate oder gar Jahre in der Hauptstadt der Revolution und berichteten regelmäßig für deutsche Journale. 15
Der Reisende war also als aufmerksamer Beobachter der Geschehnisse mehr Chronist für einen interessierten Kreis von Freunden und Bekannten jenseits der deutsch-französischen Grenze, als privater Erholungs- und Bildungsreisender. Die Nachfrage nach Informationen aus dem aufgewühlten Paris in Deutschland war nahezu unerschöpflich. Magazine und Journale, wie das erwähnte "Braunschweiger Journal", aber auch so bekannte wie der "Neue Teutsche Merkur" von Cristoph Martin Wieland und die "Minerva" von Johann Wilhelm von Archenhoitz, veröffentlichten Serie, die in langen Briefpassagen von der Revolution berichteten. Aufgrund der anhaltenden Nachfrage kamen diese Briefssammlungen auf der Frühjahrs- oder Herbstmesse gebunden heraus. Es mussten zweite und dritte Auflagen gedruckt werden, da Berichterstattungen von der Revolution schnell vergriffen waren.
Die für die ersten Monate der Revolution typische positive Rezeption dieses weittragenden geschichtlichen Ereignisses, wurde auch von den deutschen Reisenden geteilt. Bestimmend ist ein euphorischer Ton in den Berichten, die nach Deutschland weitergegeben wurden. Campe beschreibt die Franzosen als "die neuen Griechen und Römer" 16 und Frankreich den Ort, an dem sich das Menschengeschlecht der "Wiedergeburt zu einem neuen, kraftvollen edleren und glücklicheren Dasein" 17 gegenübergestellt sieht. Der Charakter der Reiseberichte gewann in zunehmendem Maße die Funktion eines Glaubensbekenntnisses. In Frankreich bekam der Reisende das zu sehen, was er im Sinne einer fortschreitenden Geschichtserwartung als das historische Ereignis begriff, das die Menschheit einen großen Schritt weiter auf dem Weg zur egalitären Gesellschaft im Sinne seines natürlichen freiheitlichen Wesens brachte. Campe, von Halem und viele andere bezogen sich in ihren Vorstellungen dabei auf das Naturrecht. 18
Der Despotismus, der die Natur des Menschen pervertiert hatte, schien in Paris besiegt worden zu sein und die Franzosen das Volk, das vor allen anderen europäischen Nationen den Menschen in seine ererbten Menschenrechte wiedereinsetzten sollte. Forster schrieb in diesem Sinne zum Schwur auf die Nation zu den Jahresfeierlichkeiten der Revolution: "Mensch zu seyn, war der schöne Stolz von Fünf und zwanzig Millionen, das erste und letzte Ziel ihrer Befreiung." 19 In den "Erinnerungen aus dem jahre 1790" beschwört er den Zustand eines in seine ursprüngliche Freiheit zurückversetzten Volkes, das bei den Vorbereitungsarbeiten zur Jahresfeier vorbildlich miteinander umgeht:
"Hier waren keine Wachen aufgestellt, hier kannte man nicht die gebieterische Stimme des Aufsehers, und noch weniger seine Stecken; auch die Beinen und Ameisen bauen ohne Tyrannen und Satelliten, und vollenden doch in Eintracht den Bau ihres kleines Freistaats. Die Gerechtigkeit des Volkes heiligte eines jeden Eigenthum, und schütze jedermann in seinem Recht." 20
Die Zustimmung zu den Ereignissen erstreckte sich 1790 auf alle Bereiche des deutschen Geistesleben. Viele Reisende änderten ihre ursprüngliche Reiseroute, um im Partizipationsgestus eines erwachenden bürgerlichen Bewusstseins die Revolution vor Ort zu inspizieren. Das politische Interesse verdrängte die traditionellen Stationen des Besichtigungspflichtprogramms und der Reisende tauchte in einen wogenden Menschenstrom ein, der in den Zeugnissen der deutschen Revolutionstouristen immer wieder beschrieben wurde.
3.2. Stellung und Bedeutung Georg Forsters in der Reiseliteratur der Französischen Revolution
Forster selbst nimmt eine exponierte Stellung unter den Revolutionsreisenden ein. Für ihn trifft sowohl die Charakterisierung eines politisch motivierten "Freiheitspilgerers" zu, der sich auf seiner Rückreise von England nach Deutschland dazu entschließt, einen Abstecher nach Paris zu machen, als auch die Beschreibung eines exliierten Reiseschriftstellers, der im Zuge einer verschärften politischen Entwicklung eine grundlegende Veränderung in seinen Reiseumständen erfahren muss.
Forster nimmt an beiden Phasen der Revolution teil. Während sich seine Äußerungen zur Reise von 1790 schon wegen des kurzen Aufenthaltes auf wenige Briefe und nur einige kurze Essays beschränken, ist das OEuvre des zweiten Aufenthaltes aus den Jahren 1793 und 1794 wesentlich umfangreicher. Neben einem umfangreichen Briefwechsel mit seiner Frau Therese, beginnt er hier die "Parisischen Umrisse" und die "Darstellung der Mainzer Revolution". Beide Werke bleiben unvollendet.
Die persönliche Situation Forsters in Paris wurde zunehmend schwierig. Durch sein politisches Engagement in den Wirren der Mainzer Republik konnte er nicht nach Deutschland zurückkehren. Er befand sich in der Situation eines Emigranten. Hinzu kamen schwierige familiäre Lebensumstände, da Therese Forster zu dieser Zeit in Scheidung von ihrem Mann lebte. Forsters Kontakte in Paris beschränkten sich auf einen schottischen Zirkel um den Bankier Thomas Christie, der als Repräsentant des Bankhauses Turnball and Forbes in Paris weilte und einen Kreis von Emigranten um sich versammelt hatte. Andere Kontakte, etwa zu dem schon seit längerer Zeit in Paris lebenden Kenner oder Konrad Engelbert Oelsner, blieben oberflächlich, da Forster den Kontakt zu seinen Landleuten nicht ausbauen konnte. In der Nationalversammlung erhielt er den Status eines Deputierten und war nach einer Diätenregelung mit dem Notwendigsten versorgt.
Anders als Campe, von Halem und andere Reisende aus Deutschland war der Kreis der Delegation um Forster nicht aus privatem Interesse nach Paris gekommen, sondern um das Anschlussgesuch des Rheinischen Nationalkonvents an Frankreich mitzuteilen. 21 In Mainz hatte Forster noch im Sinne des deutschen Freiheitsenthusiasmus an seinen Verleger Voß geschrieben, dass die Revolution ihn gesund gemacht habe. 22 Das Engagement im Jakobinerclub zu Mainz machte aus dem reisenden Bibliothekar Georg Forster einen Abgesandten des Rheinischen Nationalkonvent, der sich in politischer Mission nach Frankreich begab. Forster selbst gelangte durch die Reise zu Innenansichten des Revolutionsgeschehens, die anderen Reisenden in Paris verborgen waren. Während die Außenansicht aus Mainz ihm in den Jahren zuvor noch eine grundlegend zustimmende Haltung gestattet hatte, musste die Zeit im "Hexenkessel" der Revolution zu einer Differenzierung dieses spontanen und aus der Distanz gefällten Urteils führen. Forster reflektierte kritisch seine Situation und die der Revolution, deren persönliche Wichtigkeit er in dem Brief an Voß eindringlich beschrieben hatte. Jetzt nahm sie direkten Einfluss auf seine physische Konstitution. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich bis in den Januar 1794 zunehmend. Am 10. Januar 1794 starb Georg Forster in seinem Hotel zum "Holländischen Patrioten" in der Rue de Moulins in Paris.
3.3.1. Die Briefe an Therese Forster
Schon in der Zeit der Niederschrift der "Ansichten vom Niederrhein" benutzte Forster den brieflichen Kontakt zu seiner Frau Therese als Möglichkeit, nicht nur ihr das Wesentliche der Reise mitzuteilen, sondern auch sich selbst mit der gedanklichen Durchdringung und der schriftlichen Fixierung des Erlebten eine Gedächtnisstütze für die spätere Reisebeschreibung zu schaffen. Für Forster blieb seine Frau Zeit seines Leben der wichtigste Kommunikationspartner zur gedanklichen Verarbeitung der Erlebnisse in der Ferne. Als gebildete Frau des 18. Jahrhunderts war die literarische Form des Briefes für Therese die vernehmliche Ausdrucksform, in der sie ihre Gedanken formulieren und ihr kommunikatives Bedürfnis stillen konnte. Als Tochter des bekannten Göttinger Professors Christian Gottlob Heyne war sie es seit frühster Jugend gewohnt, zu diskutieren. Forster fand in ihr eine ebenbürtige Partnerin, die ihn in der Zeit seiner Emigration dazu ermutigte die schriftstellerische Produktion wiederaufzunehmen. Angeregt durch andere Autoren, vor allem von der Lektüre der "Lettres sur l'Italie en 1785" von Dupaty, benutzte Forster den brieflichen Verkehr mit der Familie dazu, das Wesentliche der Reise durch die schriftliche Kommunikation zu bewahren.
In Paris hatte das Bedürfnis nach Kommunikation, durch den Schock der Revolutionsintrigen in Forster zugenommen. Da er nach der Rückeroberung von Mainz nicht mehr damit rechnen konnte, die Schriften und Zeichnungen, die er für seine Arbeit benötigte, wiederzuerlangen, gewann der Briefwechsel mit Therese eine herausragende Bedeutung für Forster. Für den Gelehrten waren die Briefe nach Neuchätel in der Schweiz die einzige sichere Äußerungsmöglichkeit, bei der er sicher sein konnte, dass er später auf sie zurückgreifen konnte.
Forster war, wie Konrad Ferdinand Oelsner, Georg Kerner, sein Mitdeputierter Adam Lux und andere deutsche Parisreisende, die in der zweiten Phase der Revolution publizistisch tätig waren, Anhänger der gemäßigten Gironisten, die im Frühsommer 1793 von den radikalen Jakobinern politisch ausgeschaltet wurden. Forster gelang es nicht, die Komplexität dieser Geschehnisse vollständig zu erfassen und zu analysieren. Der "Taumel der Ereignisse", die für ihn nur schwer nachvollziehbar waren, förderte seinen Rückzug in die Isolation. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft, schrieb er seiner Frau, der er zuvor noch emphatisch mitgeteilt hatte: "War ich nur erst in Paris! Ich wünschte dort einen Wirkungskreis zu finden, der mir angemessen ist.": 23
"Freilich bleibt es bei meiner Behauptung, dass man die Revolution nicht in Beziehung auf Menschenglück und Unglück betrachten müsse, sondern als eins der großen Mittel des Schicksals, Veränderungen im Menschengeschlecht hervorzubringen. Ich bin so wenig vom Charakter der Franzosen erbaut, als ihre Feinde und Verächter, aber ich erkenne neben ihren Mängeln und Fehlern auch das Gute, das sie haben, und sehe keine andere Nation einzeln als Ideal." 24
Als Therese ihn in den folgenden Tagen dazu ermutigt, die Geschichte der Revolution in Mainz niederzuschreiben, entgegnete ihr Forster in kaum verhehlter Bitterkeit:
"0h, seitdem ich weiß, dass keine Tugend in der Revolution ist, ekelt mich 's an. Ich konnte fern von aller idealistischen Träumerei mit unvollkommenen Menschen zum Ziele gehen, unterwegs fallen, und wieder aufstehen, und wieder gehen. Aber mit Teufeln, und herzlosen Teufeln, wie sie hier alle sind, ist es mir eine Sünde an der Menschheit, an der heiligen Mutter Erde und an dem Licht der Sonne." 25
Auf Forster, der in seinen "Erinnerungen aus dem Jahre 1790" noch geschrieben hatte, dass die Deutschen "das unschätzbare Glück (genießen würden), bei allen Auftritten jenseits des Rheins unbefangene, partheilose, gleichgültige Zuschauer, mit hin desto ruhigere Beobachter bleiben zu können", 26 nahm die Revolution in zunehmenden Maße Einfluss auf die Konstitution. Die tiefe Verunsicherung, die er in Paris erfuhr, führte dazu, zu allen revolutionären Kräften skeptisch Abstand zu halten. Nicht das politische Couleur der Parteien war der entscheidende Grund seiner Distanzierung, sondern das politische Ränkespiel, in dem Forster die Franzosen die Ideale der Revolution preisgeben sah. Für ihn, der noch im Winter 1792 gegenüber seinem Verleger Voß verlauten ließ, die Revolution habe ihn gesund gemacht, schlug das Bild der eigenen Gesundung durch die Revolution bei der Konfrontation mit den Umständen des blutigen vierten Revolutionsjahres um. Aus geistiger Gesundung wurde körperliche Abneigung gegen den revolutionären Prozess, dessen Innovationen Forster zwar begrüßte, dessen Mechanismen ihm aber höchst zuwider waren.
Obwohl die Briefe an Therese Forster private Korrespondenz sind, können sie in einem weit größeren Maße den Reisebeschreibungen zuzuordnen, als die, für die Öffentlichkeit bestimmten "Pariser Umrisse". Die Briefe an Therese enthalten die grundlegenden Bestandteile der, um die innere Dimension erweiterten, Reisebeschreibung, die Forster mit den "Ansichten" erstmalig für sich beschrieb. Die Reise, die er im Dienste der Französischen Nationalversammlung als Kommissar an die Nordfront unternahm, liest sich wie das Tagebuch einer inneren Reise, auf der Suche nach einem Ort der Ruhe, den Forster nicht mehr finden sollte:
"Ich bin diesen Augenblick hier angekommen (Cambrai d. Ver.), meine beste Therese und ob ich gleich nicht weis, wann mein Brief abgehen kann, will ich doch gern noch ein paar Worte mit Dir plaudern, ehe ich mich schlafen lege. Welch eine Veränderung der Scene! Hier wimmelt alles von Soldaten und erinnert mich an Mainz. Vier Meilen davon in Valenciennes sind die Feinde, und eine halbe Meile davon diesseits nach Paris zu, ist alles so ruhig, als ob tiefer Friede wäre. Dieser Ruhe, mitten in dem Gräuel des Krieges hat mir wunderbar geschienen, und sie ist doch so natürlich, allein man malt sich das immer mit der Phantasie so, als müßte der Krieg alles auf weit und breit umher scheuchen und schrecken, als müßte auf allen Gesichtern Grauen und Entsetzen zu lesen seyn." 27
Forsters Gedanken gelten, wie in allen anderen Briefen auch in erster Linie der Frage, wie die Revolution in ihren Erscheinungsformen zu bewerten sei. Hinter diesem inneren Konflikt treten alle detaillierteren Orts- und Landschaftsbeschreibungen zurück oder nehmen schemenhafte Formen an. 28 Der Reisende ist in erster Linie mit seinem persönlichen Schicksal beschäftigt. Unter diesem Aspekt wird die Reise nach Arras zu einer Reise, die fort von Paris führt, das der enttäuschte Forster meidet. Einsichtig schreibt er an Therese: "Je mehr ich indeßen mit der Geschichte der Revolutionen vertraut werde, desto stärker wird die Überzeugung wieder in mir (...), dass an jene idealistische Vollkommenheit, welche wir oft in Büchern träumen, so gut wie gar nicht zu denken ist." 29 Auch die Mission an die Nordfront wurde für Forster, der als Kommissar Verhandlungen mit den Briten aufnehmen sollte, eine Enttäuschung. Forster nahm in zunehmenden Maße die Handlungsunfähigkeit war, die er in politischer Hinsicht erfahren musste. Die Wahrnehmung der äußeren Umstände trat zurück, zugunsten einer Detailwahrnehmung, die sich in erheblichen Maße auf eine Erklärung der Revolution beschränkte, in der Forster eine neue Selbstkonstitution erhoffen konnte. Davon, dass die Revolution ihn gesunden ließe, war zwar nicht mehr zu sprechen, doch die "Pariser Umrisse" nahmen da die Analyse einer komplexen Wirklichkeit in einer abstrakteren Weise auf, wo die konkrete Reisebeschreibung diesen Anspruch nicht mehr genügen konnte und von Forster an den Rand der privaten Korrespondenz gedrängt worden war.
3.3.2. Die "Parisischen Umrisse"
Die "Parisischen Umrisse" unterscheiden sich sowohl in der Argumentation, als auch in der Schreibintention stark von den Briefen an Therese. Forster verfasste sie für die "Friedens-Präliminarien" von Ludwig Ferdinand Huber, dem ehemaligen Hausfreund der Familie und Lebensgefährten Therese Forsters in Neuchatel, in der Zeit vom Oktober bis Dezember 1793 in Paris. Für die "Parisischen Umrisse" wählte Forster die Briefform, adressiert an einen unbekannten Leser in Deutschland, dessen Einwände er in einem imaginären Dialog berücksichtigte. Die "Friedens-Präliminarien" sollten sich vor allen anderen zeitgeschichtlichen Erscheinungen mit den Problemen Frankreichs befassen. In Berlin übernahm Forsters Verleger Christian Friedrich Voß den Druck der Zeitschrift. In den "Parisischen Umrissen" tritt Forster als Bürger des revolutionären Frankreichs vor das deutsche Publikum. Die Themengebiete der Briefe befassen sich mit dem Gewicht und der Bedeutung der öffentlichen Meinung, schätzen die Bedeutung der revolutionären Massen ein und gehen der Frage nach, inwieweit der Nationalkonvent in den Unruhen des Jahres 1793 noch einen Führungsanspruch bewahren kann.
Während in den "Ansichten vom Niederrhein" noch das abwägende Einerseits/ Andererseits die bestimmende Reflexionsform war, bezieht Forster nun Stellung für die Sache der Revolution, als deren "Märtyrer" 30 er die Franzosen betrachtet. Nach Forsters Meinung durchlebten sie, ähnlich den Deutschen im Zeitalter der Reformation, stellvertretend für "das allgemeine Wohl", das Chaos der Veränderungen hin zum Besseren. Dabei glaubt Forster fest an die Vernunft des Volkes, dessen Tugendhaftigkeit die Auswüchse der Revolutionsintrigen eindämmen und die Nation dem Wohlstand der Freiheit näher bringen würde:
"Als Necker dieses große, nicht zu berechnende Mobil der Volkskraft anregte, wußte er nicht, was er that. Die ersten Anfänge der Bewegung waren aber wegen des Umfangs, der Masse und des Gewichts so unmerklich, daß Klügere als er, sich täuschten, und diese ungeheure Triebfeder umspannen zu können, sich vermaßen. Allein, wie bald entwand sie sich aus ihren ohnmächtigen Händen!- Es entstand ein chaotisches Ringen der Elemente; es erfolgten die heftigsten Konvulsionen, die furchtbarsten Erschütterungen. Kleinere gegenstrebende Bewegungen wurden von den größeren, allgemeineren verschlungen; so gab es denn eine gleichartige Bewegung, oder mit anderen Worten: der Wille des Volkes hat seine höchste Beweglichkeit erlangt und die große Lichtmasse der Vernunft, die immer noch vorhanden ist, wirft ihre Strahlen in der von ihm verstatteten Richtung." 31
In den "Parisischen Umrissen" breitet Forster die Vorstellung eines allmählichen Evolutionsprozesses aus, als deren Träger er die revolutionäre Volksmasse sieht. Sie soll als maßgebende Instanz die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen. In der theoretischen Überlegung, dass die Revolution grundsätzlich als positives, veränderndes Moment des geschichtlichen Prozesses, die Menschheit zur Freiheit hinführen wird, versucht Forster die beklemmenden Erfahrungen in Paris zu kompensieren. Durch die Formulierung dieses utopischen Ziels erlangen die Auswüchse des Jahres 1793 eine untergeordnete, aber notwendige Bedeutung als Motor des Fortschritts. Dies ist der Grundtenor aller Schriften Forsters und nahezu aller Briefe, die er in Paris verfasste.
In Forsters Augen ist die Revolution das "Werk der Vorsehung, in dem erhabenen Plan ihrer Erziehung des Menschengeschlechts" Sie ist "die größste, die wichtigste, die erstaunenswürdigste Revolution der sittlichen Bildung und Entwicklung des ganzen Menschengeschlechts." 32 Ähnlich Campe und anderen Revolutionsreisenden, die der Frage nachgingen, ob die Französische Revolution auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar sei, schätzt Forster diese Ausweitung als eher gefährlich ein. Dabei lenkt er das Augenmerk vor allem auf die Pariser Besonderheiten, die er in den "Umrissen" aus der Sicht eines revolutionären Republikaners betrachtet. Die anderen Nationen werden nach seinen Vorstellungen von den Veränderungen in Frankreich langfristig profitieren, da die Entwicklung hin zur Freiheit in einer Nation notwendig auch Folgeentwicklungen bei den anderen Nationen nachziehen muss:
"(...) die Reihe ist jetzt nicht an Deutschland, durch eine Revolution erschüttert zu werden; es hat die Unkosten der Lutherischen Reformation getragen, so wie Holland und England, jedes zu seiner Zeit, den Schritt, den sie zur sittlichen und bürgerlichen Freiheit vorwärts thaten, mit einem blutigen Jahrhundert haben erkaufen müssen. Jetzt gilt es uns, und ich wünschte es so herzlich, ihr möchtet Euch an unserem Feuer wärmen, und nicht verbrennen!" 33Im Mittelpunkt der "Parisischen Umrisse" steht immer wieder die "öffentliche Meinung", der Forster eine besondere Stellung im revolutionären Geschehen zuweist. Sie ist "das Werkzeug der Revolution, und zugleich ihre Seele". 34 In einer Art Seilvertreterfunktion sollte Frankreich allein das "Märtyrerthum" für alle anderen europäischen Nationen bestehen. Den anderen Nationen sollten danach die Errungenschaften der Revolution zufallen, die in einsichtigen und langfristigen Reformen, den eigenen Verhältnissen entsprechend, verwirklicht werden sollte. Die pessimistische Grundhaltung in Forsters Briefen an Therese, die sich zu einem Teil aus den Spannungen erklären läßt, denen er in Paris ausgesetzt war, die sich zum anderen aber auch aus der privaten Misere seiner gescheiterten Ehe ergab, ist in den "Parisischen Umrissen" aufgelöst zugunsten einer, die Wohltaten der Revolution einschätzenden, und die politischen Wirrnisse des Jahres 1793 im geschichtlichen Prozess relativierenden, Grundhaltung.
Zwischen den "Umrissen" und den anderen Reisebeschreibungen Georg Forsters besteht ein Unterschied, der sich nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf rezeptioneller Ebene bemerkbar macht. Im Gegensatz zur "voyage" und den "Ansichten" erschienen die "Umrisse" nicht als gebundene Ausgabe einer, explizit als Reisebeschreibung gedachten Veröffentlichung, sondern in einer Zeitschrift, die sich mit der Frankreichproblematik auseinandersetze. Die "Parisischen Umrisse" waren also eingebettet in Aufsätze und Reportagen, die sich in ähnlicher Weise analytisch und wertend den Geschehnissen in Paris anzunähern versuchten, um diese für die deutsche Öffentlichkeit transparent zu machen.
Zwar berichteten die "Umrisse" von den Zuständen in einem fremden Land, die ein Reisender als Fremder erfuhr und schilderte, dennoch waren die Beschreibungen mehr von einer aktuellen Tendenz gekennzeichnet, als von grundsätzlichen Betrachtungen über Land und Leute. Forsters Artikel in den "Friedens-Präliminarien" waren Berichterstattungen, die durch die Nähe des Beobachter zur Revolution tendenziös und in einem hohen Grade politisch bestimmt waren. Hier ging es nicht mehr darum, dass sich der gebildete Reisende in theoretischen Reflexionen, die die Reise begleiteten, Gedanken durchaus auch politischer Art zu Land und Leuten machte. Die "Pariser Umrisse" waren primär politischer Natur und gaben erst sekundär Auskunft über Land und Leute. Forsters Berichte warben für ein Verständnis der Revolutionsunruhen. Die deutsche Öffentlichkeit sollten die politischen Gegebenheiten als Teil eines historischen Prozesses begreifen lernen.
Die "Pariser Umrisse" entfernten sich auch weiter von den Reisedarstellungen anderer Schriftsteller, wiee Campe oder von Halem. Diese Reisenden bezeichneten sich ausdrücklich als Franzose und verließen damit die Objektivität vermittelnde Distanz des Beobachters. Forsters "Parisische Umrisse" haben mit der traditionellen Reisebeschreibung, die dieser Schriftsteller selbst in erheblichem Maße weiterentwickelt hatte, kaum noch etwas gemeinsam. Der Sog der politischen Ereignisse und ihre hochgradige Einflussnahme auf Forster selbst, zwangen ihn dazu, die Art und Weise, in der er als Revolutionsreisender die Revolution beschreiben konnte, zu verändern. Mit den traditionellen Formen der Reisebeschreibung ließen sich die gewonnenen und zum Teil abstrakt philosophischen Erkenntnisse der Reise nicht mehr fassen. Daher wählte Forster die essayistische Briefform.
4. Fazit
Vielleicht plante Forster nach einer Beendigung seines Aufenthaltes in Paris eine Reisebeschreibung der ungewöhnlichen Mission in das revolutionäre Frankreich zu verfassen. Doch wahrscheinlich hätte ihn die historische Dimension dieser Reisebeschreibung, in der Forster dazu gezwungen gewesen wäre, sein eigenes, gescheitertes politisches Engagement reflektierend zu beschreiben, eher abgeschreckt. Therese, die Forster schon in Paris dazu ermuntert hatte, eine Darstellung der Revolution in Mainz zu verfassen, schrieb Forster im April 1793 verbittert:
"Du wünschest, daß ich die Geschichte dieser gräuelvollen Zeit schreiben möchte? Ich kann es nicht. (...) Die schmutzigen unterirdischen Kanäle nach zu graben, in denen diese Molche wühlen lohnt keines Geschichtsschreibers Mühe. Immer nur Eigennutz und Leidenschaft zu finden, wo man Größe erwartet und verlangt, immer nur Worte für Gefühl, immer nur Prahlerei und Schimmer für wahres Seyn und Wirken- wer kann das aushalten!" 35
Die Delegation um Forster reiste in nur vier Tagen von Mainz nach Paris. Die Dringlichkeit des Anschlussgesuchs erforderte rasches Handeln. Im Gegensatz zu den Reisen, die Forster in den Jahrzehnten zuvor für das Zarenhaus, die britische Krone, den polnischen König und schließlich für sich selbst, den Rhein entlang, unternahm, war nicht das Reisen an sich von entscheidender Bedeutung, sondern das Gelingen einer politischen Mission. Dies veränderte den Charakter der Reise auch in Bezug auf das Verfassen einer Reisebeschreibung, an die Forster sicherlich gedacht hatte. Allein die Tatsache, dass Reisebeschreibungen zur Revolution auf den Früh- und Herbstmessen in Leipzig rasch vergriffen waren, wird Forster, der von seinen schriftstellerischen Arbeiten zu einem nicht unerheblichen Maße lebte, interessiert haben. Doch der Umstand, dass aus dem Abgeordneten des Rheinischen Nationalkonvents in Paris innerhalb weniger Tage der Exilschriftsteller Georg Forster wurde, vereitelte Pläne, die in Richtung auf eine Veröffentlichung in Deutschland gegangen sein mögen.
Das OEuvre, das Forster in seiner Pariser Zeit hinterlassen hat, also die Briefe an Therese und das Fragment der "Pariser Umrisse", lassen sich nur im weitesten Sinne als Reisebeschreibung fassen. Die traditionelle Form der Reisebeschreibung, in der Forster selbst in jungen Jahren verfasste, und die er später in den "Ansichten" erweiterte, ist für die Pariser Zeit ein nur unzulängliches Beschreibungsmittel. Die Produktionsbedingungen treten hier viel stärker in den Vordergrund und bestimmen die Art der Veröffentlichung in großem Maße. Vielleicht könnte man eher den modernen Begriff der politischen Reportage verwenden, da sie als Journalbeiträge in regelmäßigen Abständen bestimmte Aspekte der Revolution in Frankreich diskutierten. Das Level, auf dem Forster schrieb, zeigt dass er dabei eine bestimmte Informiertheit des Leser über Paris voraussetzte, aus der heraus er Problemstellungen entwickelten und diskutieren konnte. Der Gelehrte schrieb für eine wohl unterrichtete Öffentlichkeit.. In Deutschland blieb er dennoch als Mainzer Jakobiner ein "vaterlandsloser Geselle", der als frankophilier Revolutionsbefürworter den Anschluss der linksrheinischen Gebiete an Frankreich hatte durchsetzen wollen. Das Forschungsbild über Georg Forster wurde erst durch die gründliche Quellenarbeit der DDR-Geschichtswissenschaft 36 in einem nicht unerheblichen Maße verändert. Seit den siebziger Jahren trug diese dazu bei, dass ein und kenntnisreicheres Bild Georg Forsters entstand.
Fussnoten:
1: Georg Forster an Therese Forster, Paris den 27. April 1793. In: Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Hg. v. d. wissenschaftlichen Akademie in Berlin 1989. Band 17. Briefe 1792 bis 1794 und Nachträge. Bearb. v. Klaus-Georg Popp, S. 348-349.
2: Rotraut Fischer: Reisen als Erfahrungskunst. Georg Forsters "Ansichten vom Niederrhein". Die "Wahrheit" in den "Bildern des Wirklichen". Frankfurt 1990, S. 26.
3: Thomas Grossen: Reiseziel Frankreich. Deutsche Reiseliteratur vom Barock bis zur Französischen Revolution. Opladen 1989, S.95.
4: Diese Zeitschriften waren die Critical Review, die Göttingischen Anzeigen, die Hessischen Beiträge und die Allgemeine Literatur-Zeitung. Siehe auch: Zur Ästhetik der Reisebeschreibung. in: Einführung. Gesammelte Werke, Bd.11, S. 399-409.
5: William E. Stewart schreibt dazu: "Besonders im letzten Drittel des (18. d. V.) Jahrhunderts wurden die Forderungen nach einer neuen, gegenstandsadäquaten Theorie der zeitgenössischen Reisebeschreibung laut, welche imstande wäre. die alten, unzulänglichen Theorien abzulösen. Einen solchen definitiven, umfassenden Selbstverständigungsversuch hat das Jahrhundert nicht hervorgebracht." In: Die Reisebeschreibung und Ihre Theorie im Deutschland des 18. Jahrhundert. Bonn 1978, S. 9.
6: Georg Forsters Werke. Band l "A voyage round the world", bearb. v. Horst Fieder, S. 13.
7: Beide Reisebeschreibungen erschienen zur gleichen Zeit auf dem Markt, aber Cooks Konkurrenzband war, dank der in ihm enthaltenen Kupferstiche schnell vergriffen, während die Forsters trotz guter Rezensionen ihre Reisebeschreibung nur schlecht verkaufen konnten.
8: Georg Forster: Lettres sur I´ltalie en 1785. Bd. 11. S. 160-161.
9: Zur Ästhetik der Reisebeschreibung. In: Georg Forsters Werke: Einführung. Bd. 11. S. 429.
10: Klaus Harpprecht: Die Lust der Freiheit. Deutsche Revolutionäre in Paris. Reinbeck 1989. S. 435.
11: Die adelige Kavalierstour wird als angenehmes Reisen
eingestuft, bei der der junge Adelige an den Höfen
Deutschlands und Europas mit der Etikette des Hofzeremoniells
vertraut gemacht werden sollte. Sie entwickelte sich aus der
humanistischen Bildungsreise junger Studenten in der frühen
Neuzeit und in Abgrenzung zu ihr. Als "peregrinatio akademica"
ging es auf dieser Reise weniger um wissenschaftliche Studien,
als daru , Beziehungen aufzubauen und höfische
Gebräuche kennenzulernen. Die "Tour de l' Europe"
führte den jungen Adeligen über Belgien (mit einem
kurzen Abstecher nach England) nach Frankreich und eventuell
Spanien, dann nach Italien und von dort über die
österreichischen Erblande wieder zurück ins Heilige
Römische Reich.
Siehe auch: Die Funktion der "Tour de l' Europe" für die
aristokratische Erziehung und die Bedeutung Frankreichs für
de adelige Kavalierstour. In: Grosser, Thomas: Reiseziel
Frankreich. Deutsche Reiseliteratur vom Barock bis zur
Französischen Revolution. S. 21-36.
12: Joachim Heinrich Campe: Briefe aus Paris zur Zeit der Revolution geschrieben. Aus dem Braunschweinischen Journal abgedruckt. Braunschweig 1790, S. 233 f.
13: Siehe auch; Gerhard Anton von Halem: "Politische Clubs" und "Bastille-Steine als Talisman". In: Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreich bey einer Reise vom Jahre 1790. Bremen 1990, 29. Brief, S. 144-154.
14: Siehe auch: Georg Forster: Erinnerungen aus dem Jahre 1790. VII. Französischer Enthusiasmus auf dem März- oder Föderationsfeld-Felde. In: Georg Forsters Werke. Bd. 8, S. 280-352.. In Abschnitt VII seiner detaillierten Beschreibungen ausgewählter Kupferstiche vergleicht Forster den Beginn der Französischen Revolution mit dem Ausbruch des Vesuvs über Kalabrien. Er folgt damit einer Geschichtskonzeption, die große geschichtliche Ereignisse dem Phänomen eines Naturereignisses gleichsetzt. Ähnliche Naturmetaphern zur Charakterisierung der Revolution tauchen auch bei Campe und von Halem auf. In allen Reisebeschreibungen gibt es Methapern, die den ersten, die Sinne verwirrenden, Eindruck zu fassen versuchten, den das aufgewühlte Paris auf die deutschen Revolutionsreisenden machte. Interessant ist dabei de Veränderung der Bedeutungsebene. Das Bild eines Flusses, der in den ersten Monaten nach der Bastille-Erstürmung noch gebändigt und im wohlgeordnete Bahnen gelenkt erscheint, weicht später einem reißenden Strom, in dem der Reisende unterzugehen droht.
15: Die meisten Daten entnahm ich aus: Grosser. Thomas: Reiseziel Frankreich. Deutsche Reiseliteratur vom Barock bis zur Französischen Revolution, S. 183-242.
16: Campe. a.a.O.. S. 1.
17: Campe, a. a. O.. S. 4.
18: Das Naturrecht wurde in Deutschland durch Christian Thomasius und Christoph Wolff populär gemacht. Im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution wurde es zum Inbegriff der unveräußerlichen politischen Grundrechte des Bürgers gegenüber dem Staat. Dabei wurde es als angeborenes Naturrecht verstanden. Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt machten es zum Kriterium rechtsstaatlicher Garantie der Persönlichkeit des Individuums. Die Französische Revolution wurde von vielen der berichtenden Reisenden als markanter Abschnitt für die der Freiheit zustrebenden, Menschheit geschildert. Im Gefühl des Freiheitstaumels hörte der Franzose auf Franzose zu sein und partizipierte an der in Deutschland nur theoretisch verhandelten Freiheit.
19: Forster, Georg: Erinnerungen aus dem Jahre 1790. VII. Französischer Enthusiasmus auf dem März- oder Föderationsfeld-Felde. In: Georg Forsters Werke. Bd. 8. Berlin 1989, S. 286.
20: Forster; ebd. S 287.
21: Nur wenige Tage nach der Annahme des Angliederungsgesuches wurde Mainz durch eine Offensive der Truppen der deutschen Länder zurückerobert.
22: Georg Forster an Christian Friedrich Voß, Mainz, den 21. Dezember 1792. In: Georg Forsters Werke, Bd. 17.. S. 280.
23: Georg Forster an Therese Forster; Mainz, 17. März 1793, S. 333.
24: Georg Forster an Therese Forster; Paris, den 5. April 1793, S. 338.
25: Georg Forster an Therese Forster; Paris, den 16. April 1793, S. 344.
26: Georg Forster: Erinnerungen aus dem Jahre 1790, S. 280.
27: Georg Forster an Therese, Cambrai, 1. bis 4. August 1793. Donnerstag / Sonntag, S. 408-409.
28: So nutzte Forster den Aufenthalt in der Stadt, um sich mit seinem Verhältnis zum Krieg zu befassen. Combrai selbst wird nur noch im Verhältnis zu den nicht weit entfernten Kriegshandlungen beschrieben: "Der Ort ist übrigens abscheulich und die Einwohner eine höchst fatale Race, so weit ich bis jetzt gesehen habe, ein Bastard von Flämminger und Franken, und zwar nur das unangenehme von beiden in der Mischung. (...) Es wimmelt von Soldaten und Troß." Georg Forster an Therese, Cambrai, den 4. August. S. 411.
29: Georg Forster an Therese, Cambrai, den 1. August, S. 409.
30: "(...) die Franzosen sind nun einmal, vielleicht gar zur Strafe, bestimmt, die Märtyrer für das Wohl, welches künftig die Revolution hervorbringen wird, abgeben zu müssen. So ungefähr wie die Deutschen zu Luthers Zeiten für das allgemeine Wohl Märtyrer werden mussten, indem sie die Reformation annahmen und mit ihrem Blute vertheidigten." Georg Forster an Therese Forster, Paris, den 5. April 1793. S. 338.
31: Georg Forster, Paris, den 1. des Wintermonds im 2. Jahr der Republik.
32: Georg Forster: Parisische Umrisse. S. 601.
33: Forster, ebd.. S. 602.
34: Forster, a. a. 0., S. 602.
35: Georg Forster an Therese. Paris, den 16 April 1793. S. 344-345. 36: Siehe hierzu insbesondere die Arbeiten von Heinrich Scheel: Die Mainzer Republik. Akademie der Wissenschaften der DDR. Schriften des Zentralinstituts für Geschichte, Band 42 Berlin 1975. Des weiteren Franz Dumont: Die Mainzer Republik von 1792/93. Studien zur Revolutionierung in Rheinhessen und der Pfalz. Alzey 1982.h.h.
