Zur Startseite

www.fliege-online.de

Valid XHTML 1.0!

Burn all Gif´s!

Ein Interview mit Ulli Meybohm

Ulli Meybohm ist einer der bekanntesten deutschen Programmierer. Vor vier Jahren hat er die Netzgemeinde mit einem schlanken und schnellen HTML-Editor beglückt. "Phase V" ist seitdem auf unzähligen CD-Roms erschienen und hat den Giessener Informatikstudenten weit über die Grenzen der Free-Software-Bewegung bekannt gemacht. Zurzeit sind Semesterferien und Meybohm ist mit seinem Freund Christian Neumann auf einer Tour durch Hamburgs Kneipenszene. GeeksWorld hat die beiden für ein kleines Interview im Hamburger Schanzenviertel abgefangen.

GeeksWorld: Mit 18 Jahren hast Du einen HTML-Editor geschrieben, der mittlerweile sehr verbreitet ist. Warum ist das Programm so populär?

Meybohm:. Als ich angefangen habe "Phase I" zu schreiben, gab es kaum kostenlose HTML-Editoren, nur eine alte Version von "Homesite". Außerdem ist es kostenlos und komplett auf Deutsch. Von Benutzern höre ich oft, dass sie das Benutzerinterface sehr schätzen, da dieses ziemlich intuitiv zu benutzen ist. Profis schätzen die vielen Zusatzfunktionen, die sich nicht aufdringlich in den Vordergrund stellen und dort Anfänger verwirren könnten.

GeeksWorld: Wann genau war der Durchbruch des Programms?

Meybohm: Im Frühjahr des letzten Jahres mit "Phase V".

GeeksWorld: Und daher stammt auch der Name?

Meybohm: In dieser Phase hat sich der Editor etabliert. Aber Namen sind Schall und Rauch. Wenn man die oft benutzten englischen Namen ins deutsche übersetzen wollte, müsste man sicher oft Lachen wie bei MicroSoft Frontpage, das dann "WinzigWeich Eingangsseite" heißen würde.

Neumann (mischt sich ein): Ich wüsste ja woher "Phase V" kommt...

Meybohm (lacht): Ja? Ach ja, genau...

GeeksWorld: Ja bitte?

Neumann: Wir haben viele Parties zusammen gefeiert und vor allem meine Wenigkeit kann man dann in fünf Phasen einteilen: stressig, lustig-gesprächig, umgänglich, kaum noch ansprechbar und "Phase V", dann ist Feierabend.

GeeksWorld: Programmierer müssen also viel trinken, damit sie kreativ sein können?

Meybohm: Nein, ich trinke eigentlich selten Alkohol, nur ab und zu auf Partys oder im Urlaub. Apropos, mein Bier ist leer, wollen wir noch eine Runde bestellen?

GeeksWorld: Auf Deinen Seiten vermisst man Flash-Animationen, Javascript und animierte Gifs. Stattdessen gibst Du die Losung "Burn all Gif´s" aus. Was stört Dich an dynamischen Websites?

Meybohm: Unisys will Kohle abzocken, bevor das Patent auf "gif´s" abläuft. Außerdem gibt es mit dem Format "png" eine freie Alternative dazu, die wesentlich besser funktioniert.

GeeksWorld: Aber "png" wird doch nicht viel im Netz benutzt.

Neumann: Oh doch, inzwischen schon, und das Format hat sich in der IT-Branche etabliert.

Meybohm: Dazu hat es verschiedene Sachen, wie variable Transparenz, Alpha-Layer ...

Neumann: Und die Farbtiefe nicht zu vergessen.

Meybohm: Genau, Farbtiefe bis zu 16 Millionen Farben und es komprimiert höher als "gif".

GeeksWorld: "png" benutzt Du aber nicht auf Deiner Website, oder?

Meybohm: Doch, für alle Graphikelemente, bis auf die Photos im "jpeg"-Format, zum Beispiel die Länderflaggen, die ich auf der Page habe.

GeeksWorld: Und Flash und Java?

Meybohm (verzieht das Gesicht): Nee, da steht ich auch nicht so drauf. Ich surfe gerne mal im Textmodus mit "Lynx" oder "w3m" auf einem Unix-Rechner. Dieser Browser kann Frames und Tabellen darstellen. Was will man mehr?

Neumann: Flash ist das Allerletzte, genau wie Javascript! Das sind elende Ressourcenfresser.

GeeksWorld: Wieso ist Flash das Allerletzte? Mit diesem Format kann man sehr kreativ werden. Ich habe vor kurzem ein Flash-Festival mit diversen Kurzfilmen im Netz gesehen. Der kreative Output ist da sehr hoch.

Meybohm: Ich mag aber die Integration in HTML nicht. Da sollte man vielleicht lieber ein neues Protokoll entwerfen. Es muss nicht immer alles in die Webseiten eingebettet werden. Wo genau liegen die Vorteile für Webseiten?

GeeksWorld: Mit Flash kannst Du auf der Basis von Vektorengraphiken kreativ im Netz arbeiten.

Meybohm: Das ist nicht das, was ich unter "World Wide Web" verstehe. Das Web lebt von offenen Standards. Flash ist ein kommerzielles Produkt und läuft auch nicht auf allen Plattformen. Das Web lebt von seiner Einfachheit. Keiner will die schlechten alten Zeiten zurück haben, wo Dokumente nur auf bestimmten Systemen auf bestimmten Textprozessoren angezeigt werden konnten. Mir geht es auch mehr um Texte und aktuelle Informationen. Ich brauche keine bunten Bilder und Animationen dazu. Das WWW wurde nicht als Unterhaltungsmedium geplant. Das funktionierte alles gut, bis der Kommerz Einzug gehalten hat, und die Designer von den Printmedien das Browserfenster mit einem DIN-A4 Blatt verwechselten.

Neumann: Das was ich will, ist Informationen aus dem Netz zu beziehen. Das "WWW" ist ursprünglich am CERN in Genf entwickelt worden und sollte Physikern ermöglichen, ihre Datenblätter möglichst schnell untereinander auszutauschen.

Meybohm: Die großen Browser versuchen mit ihren Sonderentwicklungen die kleinen Browser in die Knie zu zwingen, weil diese nicht genügend Ressourcen haben, um den ganzen Kram zu implementieren.

Neumann (zynisch): Genau, Hauptsache alles bleibt schön proprietär.

GeeksWorld: Die Begriffe "Respekt" und "Reputation" tauchen immer wieder bei Dir auf. Was für eine Stellung nehmen diese Begriffe in Deinem Leben ein?

Meybohm: Das ist die Entlohnung des Freeware-Programmierers. Ich verlange für "Phase V" kein Geld. Dafür darf ich Interviews geben, werde in der Szene bekannt und erhöhe meinen Marktwert.

GeeksWorld: Stichwort "Marktwert", kannst Du Dir vorstellen, in nächster Zeit einen gutbezahlten Job als Programmierer anzunehmen?

Meybohm: Na ja, zunächst muss ich erst mal zuende studieren.

GeeksWorld: Du hast Deinen HTML-Editor gegenüber Stefan Muenz mal mit "Freibier" verglichen. Gibst Du der Netzgemeinde seit vielen Jahren sozusagen einen aus oder müssen Sie bald für "Phase V" in die Tasche greifen?

Meybohm: Auf keinen Fall wird "Phase V" kommerziell. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die mir eine Anerkennung für den HTML-Editor geben. Auf diese Weise bin ich zum Beispiel an meinen eigenen Webserver gekommen. Das Freibier bezog sich auf einen Ausspruch von Richard Stallmann von GNU. "Free Software is a matter of free speech, not of free beer". Es geht darum, dass Quellcodes bei Software der Allgemein für die Weiterentwicklung zur Verfügung gestellt werden sollen.

Mittlerweile entwickele ich mehr und mehr für Linux und da ist die Philosophie der Free-Software-Bewegung natürlich dominierend. Im Sinne der Free Software Foundation ist der Editor nur "Freibier" und keine freie Software. Die Quelltexte für meine Linux-Programme sind alle unter der GNU Public License freigegeben. Allerdings ist das Freigeben der Quelltexte für "Phase V" nicht so einfach, weil ich kommerzielle Komponenten darin verwende, die ich aus Lizenzgründen nicht in Quelltextform an die User weitergeben darf. Das ist alles etwas kompliziert. Aber der Editor ist ja durch eine Pluginschnittstelle und ein Benutzermenü für den Usern erweiterbar und bekommt demnächst auch benutzerdefinierbares Syntaxhighlighting.

GeeksWorld: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Geeksworld, Juli 2000