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Artikel für Capito! und Diabolo

Nicht alle Zeitschriften sind im Netz präsent. Und so habe ich hier zwei, drei ältere Artikel von mir versammelt, die eigentlich nur offline zu haben sind. Die meisten Sachen sind zwischen 1998 und 1999 erschienen.



Waldmeistergefühle

1995 gab die Firma Langnese ihrem Klassiker "Brauner Bär" noch einmal eine Chance. Er sollte die Herzen einer Generation von Kindern erobern, die nicht mit dem kühlendem Geschmack von Karamell auf den Lippen durch den Hochsommer gezogen waren. Der alte Indianer lag plötzlich auf seinem Pony zwischen den Highlights der Eissaison, so als ob das Fiasko der 80er Jahre nie eingetreten wäre. Welcher nostalgische Werbefritze bei Langnese hatte die alte Rothaut noch mal auf Kriegspfad geschickt?

Wahrscheinlich werden es die Bleichgesichter nie erfahren. Ganz sicherlich stand aber statt der erhofften Kinderschar der eine oder andere Vertreter meiner Generation vor den Eistruhen und erinnerte sich wehmütig daran, wie er mit dem "Braunen Bären" durch die Prärie hinter dem Neubaugebiet gestromert war. Ich bin mir sicher, dass die Groschen im Portemonnaie schnell zusammengesucht waren, um ein Exemplar der früher so verehrten Köstlichkeit zu erstehen. Ist ja auch klar: Nur mal schnell schmecken, ob noch alles so ist, wie damals.

Mich persönlich überfällt dieser Effekt immer, wenn ich nachdenklich schlendernd vor den Regalen eines Kaufhauses stehe und zum Beispiel die Teewurst sehe, mit der ich als Kind fingerdick gequält wurde. Schmeckt das auch heute noch so scheiße wie damals? Mal probieren....

Das 95er Revival des "Braunen Bären" war eine Enttäuschung. Mag sein, dass es anderen nicht so gegangen ist, aber das erhoffte Ergebnis stellte sich bei mir nicht ein. Dabei könnte ich nicht einmal benennen, um was für einen Effekt es sich eigentlich handeln sollte. Natürlich ergab der Lecktest, dass immer noch Karamell da war, zuerst als Eisschicht und dann als hundertprozentig klebrige Masse im Innern. Aber so gut wie früher...weiß nicht.

Eine andere Sache war das Problem mit der Ahoj-Brause. Händeringend lief ich durch die Kioske der Innenstadt, um die pulvrige Substanz noch einmal auf den Lippen zu spüren. Vergeblich. Ein mitleidiger Kioskbesitzer am Oldenburger Lappan lieferte den entscheidenden Tipp. Ich solle es doch mal in einem Kiosk in den Wohnbezirken am Rande von Oldenburg versuchen. Dort gebe es viele Familien mit Kindern. Und daher sei die Chance dort fündig zu werden, doch wesentlich größer.

Oldenburg-Bürgerfelde, Ecke Vahlenhorst / Ellernbrok. Nach sechs Kiosken hält der Autor dieses Artikels glücklich die Trophäe in Händen. Waldmeister, Himbeere und Zitrone. Dreimal sprudelndes Natrium-Bikarbonat. Ein Triumph!

Ursprünglich streckte nicht ein androgynes Matrosen-Männchen die Ahoj-Fahne in die Luft. Bei Markteinführung 1925 hieß das Brausepulver noch "Friedel-Brause". Ein junger Mann in Matrosenanzug pries ein Glas sprudelnder Brause vor maritimen Hintergrund an. Mit Beginn der Popularisierung der Nascherei Anfang der 30er Jahre wurde die Erfrischung in "Frigeo Ahoj-Brause" umbenannt. Auf Plakaten warb die Firma mit milde lächelndenMüttern, die ihren Kindern eine Tüte Brause in ein Glas Wasser schütteten. An dem Mythos vom harmlosen Erfrischungsgetränk hält Frigeo bis heute fest. Originaltext Frigeo: "...mit Wasser aufgelöst ergibt das Brausepulver ein wohlschmeckendes, erfrischendes und kalorienarmes Getränk." Dabei musste auch den Herren bei Frigeo von Anfang an klar gewesen sein, dass das Sprudelpulver die Kinderwelt in ganz anderer Form erobert hatte. Nicht Wasser, sondern Spucke war der Katalysator für das prickelnde Erlebnis - und zwar ein Katalysator mit ungeahnten Kräften:

"Es war Maria, die eine hohle Hand machte. Und Oskar konnte nicht umhin, ihr etwas Brausepulver in die rosa Schüssel zu streuen. Sie wusste nicht, was sie mit dem Häufchen anfangen sollte. Der Hügel in ihrem Handteller war zu neu und zu erstaunlich. Da beugte ich mich vor, nahm all meinen Speichel zusammen, ließ ihn dem Brausepulver zukommen, tat das noch einmal und lehnte mich erst zurück, als ich keinen Speichel mehr hatte. (...) Maria wurde rot, führte die Hand zum Mund, leckte die Innenfläche mit langer Zunge ab, tat das mehrmals und so verzweifelt, dass Oskar schon glauben wollte, die Zunge tilge nicht jenes sie so aufregende Waldmeistergefühl, sondern steigere es bis zu jenem Punkt, womöglich noch über jenen Punkt hinaus, der normalerweise allen Gefühlen gesetzt ist." Mit Günter Grass erlangte das Brausepulver literarischen Weltruhm. 9 1/2 Wochen Sex-Spielchen auf ostpreußisch sozusagen. Spätestens mit der "Blechtrommel" war das Trugbild von harmlos Limonade trinkenden Kinder entlarvt. Wenn die Phantasie mit ins Spiel kam, entwickelte das zischende Pulver ungeahnte Möglichkeiten. Trotzdem blieb der Zucker-Kick auf der Zunge ungeschlagen.

Früher kariöser Einbruch war die Folgeerscheinung dieses kindlich sorglosen Umgangs. In dramatischen kollektiven Putzkampagnen versuchten öffentliche Institutionen das Übel an der Wurzel zu packen. Streng blickende Zahnarzthelferinnen wachten über Heerscharen von Kindern, die über Waschbecken gebeugt das ordnungsgemäße Säubern der kleinen Beißerchen erlernen sollten. Auch Frigeo beugte sich schließlich dem gesellschaftlichen Druck und versetzte das geliebte Brausepulver mit Zuckeraustauschstoffen. Neue Kreationen mit zeitgemäßeren Geschmacksrichtungen entstanden. Cola-Brausebärchen und Pfirsich Brausestäbchen luden zu einem unverhohlen lutschenden Verzehr ein. So begann sich ein Untergang des Brausepulvers abzuzeichnen. Heute sollte sich jeder glücklich schätzen, der bei einem Blick auf die immer rarer werdende Süßigkeit noch eine prickelnde Ahnung von Waldmeister auf der Zunge spürt. Denn es gibt nicht mehr viele unter uns, die dieses Gefühl noch kennen.

(capito!, Oktober ´99)

Ein Frosch in der Midlife-Crisis

Ein Sommerregen prasselt an die Fensterscheiben. Die Veranda ist mit Grün zugewuchert. Pavel Möller-Lück sitzt auf dem Boden in seinem Haus und bastelt an einer seltsamen Apparatur mit dicken Borsten. Ein neues Utensil für ein Stück des Theater Laboratorium? Weit gefehlt. Das sei eine Schuhputzmaschine, klärt Pavel auf. Die habe er in den Hotels immer schon bewundert. Jetzt hat er auch endlich ein Zuhause.

Doch genug davon. Schließlich geht es hier nicht um blankgeputzte Schuhe, sondern um das neue Stück des Theater Laboratoriums. Die Saison ist bald vorbei. Zeit, schon mal laut über die Projekte im Herbst nachzudenken. Diesmal handelt es sich um einen der Klassiker aus den Märchensammlungen der Gebrüder Grimm: Der Froschkönig.

Wie gewohnt übernimmt das Laboratorium den Stoff nicht eins zu eins, sondern modifiziert ihn stark. "Der Frosch ist feucht, er ist glitschig. Das ist eine sehr erotische Komponente in der Geschichte, die ich interessant finde." Pavel mimt den Frosch. Erst vor kurzem war sein 40. Geburtstag. Da gab es jede Menge Frösche als Geschenke, Inspirationsquellen für das neue Stück.

Die ganze Geschichte besteht bislang aus einzelnen Bildern und Improvisationen. Pavel schreibt keine Texte auf, sondern entwickelt das Stück mit allen Beteiligten aus der Situation heraus. Fragen tun sich dabei auf: Wie geht es dem Froschkönig eigentlich mit vierzig? Wenn man zwanzig Jahre lang eine Beziehung geführt hat, sehnt man sich da nicht wieder danach Fliegen zu verschlucken?

Bislang sind zwei Versionen geplant. Eine für die Kinder in der Nachmittagsvorstellung, eine für die Erwachsenen abends. "Die Abendvorstellung könnte mit einem lauten Schrei losgehen", denkt Pavel laut nach, "Und dann ein Ausruf: Du widerliches, garstiges, schleimiges Vieh!" Drei Monate hat das Laboratorium noch Zeit, die Geschichte bis in alle Details auszuarbeiten und einzustudieren. Premiere ist Anfang Oktober.

Der Märchenstoff ist für Pavel nicht neu. Schon Anfang der 90er Jahre hat er ihn in Berlin aufgeführt. "Das war damals eine andere Version als die, die jetzt geplant ist", betont er. Der Froschkönig sucht in der 99er Aufführung nach neuen Wegen und stellt sich die bange Frage wieviel Mensch er sein muß und wieviel Frosch er sein darf. Und wie reagiert die Prinzessin auf die Ausbrüche ihres Tümpel-Kavaliers? Pavels Antwort fällt zögerlich aus. "Das weiß ich noch nicht. Ich wünsche mir natürlich, daß sie anfängt, die Veränderungen auch bei sich zu suchen, beziehungsweise zuzulassen."

Vieles ist möglich. Pavel denkt den Stoff von der visuellen Ebene her. "Es wäre schön, ein Bild zu finden, in dem die beiden zusammen auf die Suche gehen, wie in einem Irrgarten." Und dann fabuliert er weiter: "Ich stehe auf der Bühne und sehe dieses Bild von jemandem, der unter einem nassen Pilz steht und gräbt. Auf der anderen Seite gräbt auch jemand. Und beide graben so laut, daß sie sich nicht verstehen können. Sie stoßen mit den Hintern aneinander an und graben dann an einer anderen Stelle weiter." Ausbrüche dieser Art zeigen, daß der Name "Theater Laboratorium" mit Bedacht gewählt ist. Die Experimentierstube für das neue Stück sitzt bislang noch im Kopf des Puppenspielers.

(capito!, September´99)

Karadzic im Visier

Der alte Beckmann weiß. warum Lukas beim Schießen die Augen schließt. Sein Ziwi ist ein Mucker. Und einmal Mucker, immer Mucker. Beim Schuss zuckt das Lid automatisch über die Pupille. Da gibt's kein Mittel gegen - das ist ihm aus seiner Zeit als Frontsoldat noch gut in Erinnerung. Warum ausgerechnet der sanftmütige Hüne Lukas Eiserbeck in Hamburg das Töten erlernen will. ist eine der spannendsten Geschichten. die dieser Sommer zu bieten hat. Mit wenigen Strichen entwirft Dirk Kurbjuweit eine faszinierende Gedankenwelt. in der sich alles nur um Eiserbecks verlorene Liebe zu Isa-bella dreht. Dass sie zu ihm zurückkehren soll. steht außer Frage. Dafür ist Eiserbeck sogar bereit, einen Mord in Kauf zu nehmen. Aber immerhin ist es ein gerechter Mord, der zwei Probleme auf einmal lösen soll. Zum einen zielt Eiserbecks geplante Großtat darauf ab. den Krieg in Bosnien zu beenden. Zum anderen soll Isabella. die diesen Krieg hasst. bewundernd zu ihm aufblicken.

Bis es zum finalen Schuss kommt. macht Eiserbeck eine fundamentale Wandlung durch. Erinnerungen an die entschwindende Jugendzeit, sportlicher Ehrgeiz und die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite einer Großstadt vermischen sich in seiner Psyche zu einem wilden Konglomerat, das bisher ungekannte, erschreckende Seiten in ihm hervortreten lassen. Nach und nach gewinnt Eiserbeck die Klasse eines Taxidrivers von Scorsese'schem Format. Dabei wird Korbjuweit an keiner Stelle martialisch, sondern begleitet die schrittweise Metamorphose seiner Gestalt nachdenklich und still.

DIRK KURBJUWEIT:
SCHUSSANGST.
S. FISCHER VERLAG.
38,80 DM

Rambo-Zambo in der Psycho-Sekte

"Im Therapieraum roch es nach menschlichem Schweiß, und von den Innenseiten der Fensterscheiben perlte bereits Feuchtigkeit. Rudi stöhnte und hörte nicht mehr, daß auch die anderen aus seiner Gruppe stöhnten. Seit mindestens zehn Minuten saß er in einer Position, die bei Kesch Scheißhaushaltung hieß. Den Rücken an die Wand gepreßt, die Beine waagerecht nach vorn gestreckt bis zu den Knien, von wo die Unterschenkel rechtwinkelig nach unten abbogen. Rudis Hemd war klatschnaß, neben ihm wimmerte eine Frau."

Beim Therapeuten Hans Kesch herrschen rauhe Sitten. Wer nicht pariert, wird erbarmungslos geschasst. Das bekommt auch Rudi zu spüren, der von seinem sadistischen Seelendoktor beim Lauschen erwischt wird. Zur Strafe soll er Gertrud beseitigen, denn Gertrud will auspacken. Hin und her geworfen in seiner Haß-Liebe zu Kesch weiß Rudi nicht, ob er gehorchen oder ihn umbringen soll. Angereichert mit münsteraner Lokal-Colourit hat der Journalist Werner Paczian mit dem "Psycho-Guru von Münster" seinen ersten Thriller vorgelegt. Auf 225 Seiten schildert der Roman das Schicksal eines Menschenfischers und seiner Schäfchen. Leider fällt es Paczian schwer, sprachlich tiefer in die Psyche seiner Protagonisten vorzudringen. Alle 18 Kapitel des Buches halten konsequent an einer Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere fest. Hier der fiese Psycho-Guru mit seinen kriminellen Gesellen, dort die leidenden Opfer, die selbst nach der "Scheißhaushaltung" ihren Guru noch vergöttern, ihn aber trotzdem irgendwie hassen. Darüber hinaus ruscht so manche Sitzung in eine unfreiwillige Komik ab, so mancher durchgeknallter Monolog bereitet dem Leser Mühe, den nötigen Ernst für das Thema zu wahren. Dabei ist das Anliegen Paczians durchaus aktuell. In seinem Vorwort verweist er auf neuere Fälle, in denen Psychater die Abhängigkeit ihrer Patienten berechnend für ihre Interessen mißbrauchen. Ein gut recherchierter Artikel in einer überregionalen Tageszeitung hätten Autor und Leser vielleicht besser gedient.

WERNER PACZIAN:
DER PSYCHO-GURU VON MÜNSTER,
PRINCIPAL-VERLAG. 1997.
19,80 DM

"Sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser"

Keine Frage, das Gesicht unserer Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren maßgeblich verändert. Auf allen Kanälen prasseln die Schlagworte zum "Neuen Kapitalismus" nur so herab, dass vielen dabei hören und sehen vergeht. Dazu gesellt sich ein diffuses Einvernehmen über alle parteipolitischen Grenzen hinweg, daß sich der Staat die sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte auf keinen Fall mehr leisten kann. Schlanker soll er werden, endlich den Gürtel enger schnallen und sich schließlich an den eingesparten "Sozialgeschenken" gesund hungern. Forderungen dieser Art gehören längst zum Kanon einer jeder Talkrunde. Doch wer spricht da überhaupt? Und haben diese Menschen das Recht, zuerst verbal und dann auch praktisch gegen andere, zumeist Schwächere vorzugehen?

Genau dieser Frage geht das Buch "Wasserprediger und Weintrinker" von Dorothee Beck und Hartmut Meine nach. Der Titel - ein Zitat aus "Deutschland. Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine - deutet an, worum es geht: Hier soll der Vorhang beiseite geschoben werden. Wer sind diejenigen, die öffentlich Enthaltsamkeit predigen und privat in Saus und Braus leben? Das Autoren-Duo nennt jede Menge Namen und präsentiert eine Rangliste der 50 superreichen Familien Deutschlands. Leo Kirch und die Gebrüder Albrecht klingen noch bekannt. Aber bei Curt Engelhorn wird´s schon schwieriger und wer weiß schon, dass sich Herr Quandt und Familie im Ranking ganz oben tummeln. Ein plakatives Buch also? Der schmierige Kapitalist von den Genossen des Agitprop-Theaters ans Licht gezerrt?

Nun, zunächst einmal wird das Buch immer wieder sehr konkret. Es nennt Zahlen, stellt jede Menge Vergleiche an und thematisiert bislang Unbekanntes. Wie groß ist zum Beispiel der Stundenlohn eines Spitzenmanagers und wieviel verdient Klaus A. aus B. im Verhältnis dazu? Warum dürfen Hans Ulrich Klose, Antje Vollmer und Rita Süssmuth bis ans Ende ihres Lebens kostenlos alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und müssen kein Porto und keine Telefongebühren mehr zahlen? Man kratzt sich an der Stirn. In Talkrunden stehen diese "Sozialgeschenke" zumeist nicht zur Debatte.

DOROTHEE BECK/ HARTMUT MEINE:
WASSERPREDIGER UND WEINTRINKER.
WIE REICHTUM VERTUSCHT UND ARMUT VERDRÄNGT WIRD,
STEIDL-VERLAG, 1998,
34 DM