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Der "Reinhard Mey" der rechten Szene

Wenn man rechtsradikale Musik aus dem Internet laden will, muss man nicht lange suchen, um fündig zu werden. MP3 Portale wie MP3.com bieten jedem, der es hören will, volksverhetzende Lieder zum Download an. Das zeigt besonders drastisch das Beispiel des rechten Liedermachers Frank Rennicke.

"Offizielle Heimatseiten" nennt der in Ehningen bei Böblingen lebende Frank Rennicke die Domain, mit der er seine Musik im Internet präsentiert. Zusammen mit der Navigation, die im typischen Layout altdeutscher Schrift gehalten ist, wird schnell klar, für welches Klientel seine Seiten bestimmt sind: die Domain richtet sich an Neonazis oder auch "Deutschnationale", wie sich die Anhänger der Szene selber nennen. Frank Rennicke ist ihr "Barde" und kündet allen, die es hören wollen, von Deutschlands ehemaliger Größe.

Dass das nicht wenige sind, zeigt eindrucksvoll der dezent an der linken Seite angebrachte Counter. Glaubt man den Zahlen, dann haben bereits über 38000 User seine Seiten besucht. Rennickes Webpage zeugt davon, wie geschickt die Szene es versteht, das Internet zu nutzen. Sein Web-Auftritt ist professionell gestaltet. Gleich auf der Startseite springt ein kleines Pop-Up-Fenster auf, das neben aktuellen Informationen über Rennicke auch auf MP3.com verweist. Hier lagern 29 Songs des braunen Schrammelbarden mit Titeln wie "Nürnberg 1946 - Rudolf Hess" oder "Deutscher Schwur / Treue Liebe". In den German Charts von MP3.com belegen seine Stücke die ersten zehn Plätze und sein "MP3 Sampler 2000" liegt auf Platz drei.

Im Gegensatz zu dem meist unverständlichen Gegröhle von Neonazi-Bands wie "Endstufe" oder "Noie Werte" setzt der 32 jährige Rennicke ganz auf die akustische Gitarre. Als musikalisches Vorbild der Gegenwartsmusik nennt er Reinhard Mey. Auf seinen Auftritten unterbricht er den Vortrag gerne für politische Kabarettstücke, in denen er haarscharf an geschmacklosen Pointen über Juden und andere unliebsame Objekte der rechten Szene vorbeirutscht. Rennicke agiert dabei sehr clever. Immer bleiben die Anspielungen im halblegalen Raum, immer wird nur unterschwellig SS-Offizieren Repekt gezollt und Juden wie Heinrich Heine verspottet. "Da schlägt sich Otto-Normal-Skinhead auf die Schenkel: Reingelegt!", bemerkt Spiegel-Online treffend dazu.

Viele Nummern Rennickes können bei bei MP3.com problemlos runtergeladen werden. Wer Rennickes indizierte CDs haben will, kann sie direkt über seine Seiten bei MP3.com bestellen. Und tatsächlich ist es nicht leicht, den Vertrieb beziehungsweise den Download zu unterbinden. Das Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Würtemberg bestätigt, dass gegen ein Online-Angebot, wie es Rennicke auf seinen Seiten anbietet, schwer eingeschritten werden kann. Auch bei MP3.com nutzt der Rechtsextremist die Tatsache, dass nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen werden kann, dass die Lieder von ihm selbst hochgeladen wurden. Zudem sitzt der MP3 Anbieter in San Diego, Kalifornien und befindet sich damit außerhalb des Zugriffs des Verfassungsschutzes. Diesen Umstand nutzen bekanntlich auch Warez- und Hardcore-Seiten. MP3.com äußerte auf Anfrage von GeeksWorld, dass das Musik-Portal keine Veranlassung sehe, die Seiten vom Netz zu nehmen. Greg Wilfahrt, Pressesprecher von MP3.com: "In Reaktion auf verschiedene Anfragen zu Rennicke, haben wir seine Songs übersetzt und untersucht. Dabei sind wir zu dem Entschluß gekommen, dass an ihnen nichts so "Aufsehenerregendes" ist, dass es irgendeine Aktion von uns gegen diesen Künstler zu diesem Zeitpunkt rechtfertigen würde."

Geeksworld, August 2000