"Wenn mich einer beißt, beiß ich zurück!"
In Oldenburg trafen sich Punks und Skins zu einem Streitgespräch über die angespannte Lage zwischen den Fronten. Jens Fliege hat das Treffen für die taz protokolliert.
Das Taxi mit Marc 1) und Thomas hält direkt vor der Jugendfreizeitstätte. Sichtlich nervös springen die zwei Punks aus dem Wagen. Wenig später haben sich ihre Nerven bei einem Tee etwas beruhigt. Noch hat niemand eine Vorstellung davon, wie das zu erwartende Streitgespräch verlaufen wird. Im Vorfeld hatte jede Seite Garantien abgegeben, Stillschweigen über den Gipfel zu bewahren. Zu viele gewalttätige Übergriffe in den letzten Wochen haben den Haß zwischen den Gruppen angeschürt. Als Sven und Kai in ihren Stiefeln die Treppe hoch poltern, ist die Situation wieder angespannt. Gesenkte Köpfe, hastig ausgedrückte Zigaretten. Das Gespräch kann beginnen.
taz: "Zu welcher Fraktion fühlt ihr euch zugehörig? Seid ihr Hammer-, Oi- oder White-Power-Skins?"
Kai: "Da kannst du keinen von uns so richtig zuordnen. Ich würde sagen, wir sind "rechts-neutral"."
Thomas: "Was verstehst du unter "rechts-neutral"? Seid ihr nicht rechtsextremistisch?"
Kai: "Wir sind gegen Ausländer. Wenn die hier was anstellen, dann sollen die dahin verschwinden, wo sie hergekommen sind."
Marc: "Du vertrittst also so ungefähr das Gedankengut der DVU oder sogar der NSDAP?
Kai: "Nein, was früher war, ging viel zu weit. Wir wählen eher DVU oder NPD."
Sven (beipflichtend): "Ja genau, eher NPD."
Marc: "Die laufen trommelnd mit der Reichskriegsflagge durch die Stadt. Wie kannst du eine Partei gut finden, die sich mit der NS-Zeit identifiziert?"
Kai: "Bei den Aufmärschen bin ich noch nie dabei gewesen, obwohl ich einen Autoführerschein besitze."
Thomas: "Aber das ist doch paradox, wenn du sagst, daß du die NPD wählst. Die marschiert doch auch vor Wehrmachtsausstellungen auf."
Sven: "Die Aufmärsche sind doch nur reine Provokation. Die Werbesprüche der NPD, die finde ich gut. Der Ausländeranteil in Deutschland ist viel zu hoch."
Marc: "9% Ausländeranteil ist also zu hoch?"
Sven: "Ja klar. Das sind fast 10%. Guck dir doch mal an, wie viel Dönerbuden es hier gibt. Stellen die einen Deutschen ein?"
Marc: "Warum sollten die das nicht tun? Ich habe in Pizzerien schon öfters Deutsche gesehen, die dort bedient haben."
taz: "Vor kurzem wurden Ausländer im Bayernzelt von Skins angegriffen und verletzt. Ist das die Art und Weise, wie man mit denen verfahren sollte?"
Kai: "Das würde ich komplett dem Gesetz überlassen. Wir verurteilen die Kramermarktsausfälle auch. Ich kenne selber ein paar Ausländer - Russen - die in meine Klasse gehen. Mit denen gehe ich abends auch mal weg. Die sind in Ordnung. Aber am Lappan 2) stehen so viele Albaner rum, die Drogen verkaufen und auch Frauen verprügeln. Das habe ich selber gesehen. Ich habe versucht, den Typen davon abzuhalten, die Frau zu verprügeln. Da sind gleich 20 Leute gekommen und haben mich zusammengetreten."
taz: "Wie steht es mit den Punks. Die sind doch auch von den Skins verprügelt worden."
Kai: "Wenn die auf mich losgehen, dann gehe ich auch auf die los!"
taz: "War das so bei euch Punks? Habt ihr die Rechten provoziert?"
Marc: "Nein, eigentlich nicht. Ich weiß natürlich nicht, was jeder einzelne persönlich gemacht hat."
Thomas: "Was müssen das für Provokationen gewesen sein, wenn 25 Skins nachts eine Punker-WG mit Luftgewehren und Zwillen überfallen."
Sven: "Meinst du die Geschichte in der Alexanderstraße? Ich habe gehört, daß von der anderen Seite geschossen wurde, also aus der WG raus."
Thomas: "Wenn Skins auf ein Haus marschieren, dann ist es doch klar, daß sich die Punks verteidigen müssen. Die kommen ja nicht, um mit den Leuten zu saufen. Also liegt die Provokation nicht bei den Punks."
Marc: "Ich wüßte nicht, was ich tun würde, wenn vor meinem Haus 25 Leute mit Baseballschlägern stehen würde."
Sven (fällt ihm ins Wort): "Hatten die denn Baseballschläger? Rechte werden immer gleich mit Baseball-Schlägern in Verbindung gebracht. Nach dem Motto: Der Mob tanzt auf der Straße."
Marc: ",Glaubst du die kommen zum Trinken vorbei, wenn die plötzlich aufmarschieren?"
Sven: "Wohl kaum."
Marc: "Ach nee, von wem gehen dann die Provokationen
aus?"
Sven: "Die sind ja nicht ohne Grund da hingegangen."
taz: "Was war denn der Grund?"
Sven: "Na, diese Schmierereien auf der BBS II und III 3)."
Kai (mischt sich ein): "Ja genau, diese Schmierereien von wegen: W**, wir kriegen dich!!"
Marc: "W** kennt ihr also? Ist das einer von euren Leuten?"
Kai: "Nee, der gehört nicht zu uns. Den kennen wir nur so vom Moin Moin..."
Sven (beendet den Satz): "...und Guten-Tag-Sagen und abends ein Bierchen trinken gehen."
Marc: "Und W** ist so wie ihr "rechts-neutral" oder rechtsradikal oder was?"
Kai: "Kann ich nichts zu sagen."
Marc: "Vor zwei Jahren hing er noch mit den Punks rum. Jetzt ist er ein rechter Skinhead."
Thomas: "Und die Übergriffe auf die Punks in Oldenburg, findet ihr die gut?"
Kai: "Nein."
Sven: "Die waren aber trotzdem nicht grundlos. Wenn mich einer beißt, beiß ich zurück! Die Punks haben Steine gegen ein Fenster von W*** geschmissen. Da würde ich auch ein paar Leuten zusammentrommeln und die WG stürmen."
Marc: "Und unsere Seite? Ich würde mich auch provoziert fühlen, wenn ich z. B. abends durch die Wallstraße gehe und zusammengeschlagen werde."
taz: "Ist die Wallstraße in der Hand der rechten Szene? Kann man das so sagen?"
Kai: "Ziemlich viele Rechte saßen wohl "Im Bett" 4) rum. Aber in rechter Hand? Weiß nicht..."
Sven: "Wo viele Leute aufeinandertreffen, gibt's halt Ärger...."
Kai: "Ich bin vor zwei, drei Monaten am Alhambra 5) vorbeigegangen und hatte nur eine Bomberjacke
an, nicht mal Springerstiefel. Und da wurde gleich auf mich
geschossen, mit Leuchtpistolen. Am nächsten Tag habe ich
einen von denen getroffen und wollte ihm eine auf´s Maul
hauen. Dann bin ich aber mit dem ins Gespräch gekommen und
es stellte sich heraus, daß er mich für einen von den
Tätern hielt, die kurz zuvor beim Alhambra Frauen
zusammengeschlagen hatten."
taz: Meinst du die Geschichte mit den beiden Lesben vor
der Alhambra-Disco?
Kai: "Ja. Und ich hatte nur eine Bomberjacke an und sofort wurde auf mich geschossen."
Erzieher (mischt sich ein): "Es gibt aber auch Verbindungen zwischen euch und den anderen Skins."
Kai: "Ja, kennen tun wir die."
Erzieher: "Ihr geht zwar nicht mit denen los, weil die eine Nummer zu hart sind. Aber im Prinzip akzeptiert ihr die."
Kai: "Ja, kann man so sagen."
Sven: "Es gibt welche bei den Linken, die sind wie Bluthunde, suchen sich Adressen raus und gehen dann auf die Leute los. Das schürt den Haß dann ungemein."
(Pause)
Thomas (nachdenklich): "Das schaukelt sich gerade leider alles gegenseitig hoch."
Kai: "Am Lappan stehen dazu noch die Albaner, weiter hinten am Waffenplatz die Russen. Und alle verkaufen Drogen. Wenn die Ausländer an Kinder Drogen verkaufen, die gerade Zigaretten halten können, dann sollen sie verschwinden!"
Thomas: Drogen an Kinder verkaufen, das verurteilen wir natürlich auch. Gar keine Frage.
taz: "Und die Skins sorgen dafür, daß die Stadt "sauber" bleibt. Oder wie habe ich das zu verstehen?"
Kai: "Nö, das geht mich nichts an. Aber wenn diese Leute Drogen an meinen kleinen Bruder verkaufen, dann gehe ich da hin. Die sollen sich welche suchen, die 18, 19 Jahre alt sind, aber keine Kinder."
taz: "Und das hast du gesehen?"
Kai: "Das habe ich selber gesehen. Den Dealer habe ich zusammengeschlagen und zur Polizei gebracht. Dafür habe ich dann eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen."
taz: "Aber Moment, das heißt doch, daß die rechte Szene für "Ordnung" sorgt und du mischt dabei mit."
Kai: "Ja, aber nur in gewissem Maße. Ich gehe nicht auf jemanden los, nur weil der anders aussieht. Wir rufen die Polizei an und gut ist."
taz: "Dann fühlt ihr euch also doch wie Hilfssheriffs?"
Thomas (wirft ein): "Jeder schafft sich sein Feindbild und macht es dann fertig. Selbstjustiz, na prima!"
taz: "Du glaubst also, daß die Polizei in Oldenburg nichts gegen die Dealer unternimmt?"
Kai: "Ja genau, die machen nichts! Man muß die schon anrufen, damit die kommen."
Sven: "Die Dealer müssen sofort weg. Die dürfen nicht mit Samthandschuhen angefaßt werden."
Thomas: "Und einen deutschen Dealer hättest du genauso zusammengeschlagen?"
Kai: "Genauso!"
Thomas: "Wissen die anderen Skins eigentlich, daß ihr hier seid?"
Kai: "Wenn ich denen sagen würde, daß wir hier mit zwei, drei Punks sitzen, dann würden die mit ´zig Leuten aufmarschieren und Parolen gröhlen."
Marc: "Ihr müßt ja einen ganz guten Draht zu denen haben, wenn die auf euren Anruf hier aufmarschieren."
Kai: "Nein, so ist das nicht. Einer ruft den anderen an und dann geht das immer so weiter."
Sven: "Das ist halt ´ne Telefonkette."
Kai: "Ich kenne persönlich vier oder fünf von denen. Aber wir sind nicht der gleichen Meinung. Das ist uns ein Stück zu heftig."
taz: "Das klingt so, als ob die Skins in Oldenburg organisiert sind."
Sven: "Die Antifa ist organisiert, die Skins nicht."
Marc: "Ich finde schon, daß man das als organisiert bezeichnen kann, wenn 25 bis 30 Leute mit Luftgewehren und Zwilllen bewaffnet gegen eine WG marschieren."
Sven: "Wenn das eine Lager das andere angreift, heißt es gleich: Die haben mit Luftgewehren auf uns geschossen. Da wird viel übertrieben."
Thomas: "Das glaube ich nicht. Bei der Punker-WG sind Oberlichter kaputt gegangen. Die liegen so hoch, daß du da nicht mit Steinen ran kommst. Da braucht es schon mehr."
Sven: "Na ja, wenn man los zieht, kann es schon sein, daß man sich auf dem Weg noch einige Sachen rausholt...."
Erzieher: "Aber diese Leute sind euch zu heftig?"
Sven: "Ja."
Erzieher: "Ihr wart doch auch im Bayernzelt auf dem Kramermarkt. Habt ihr was beobachtet?"
Kai: "Ja, aber wir haben weiter hinten gesessen. Ich habe nur gesehen, daß vorne eine große Schlägerei los ging. Und dann kam auch schon die Polizei."
Marc: "Wart ihr mit den 40 Skinheads da?"
Sven: "Nein, wir sind mit unserer eigenen Gruppe dahin gegangen. Dann haben wir die anderen gesehen, Hallo gesagt und ein Bier zusammen getrunken. Danach haben wir uns wieder weiter hinten hingesetzt."
Kai: "Wenn so eine Aktion ansteht, dann machen wir nicht mit."
taz: "Aber das klingt doch schon so, als ob die Skins organisiert sind."
Sven: "Wenn die prügeln, gehe ich auf keinen Fall dazwischen. Die würden auch mich platt machen."
taz: "Was soll denn eurer Meinung nach passieren, damit das gegenseitige Hochschaukeln von Rechts und Links aufhört?"
Kai: "Keine Ahnung. Dazu müßte man die Meinung von allen kennen. Vielleicht müßten sich alle zusammensetzen und ein Bier trinken."
taz: "Ist das nicht ein bißchen naiv? Es sind ja nicht nur Steine geflogen. Auch Messer waren schon im Spiel."
Kai: "Aber indem wir uns hier zusammensetzen, machen wir hier ja schon einen Anfang."<</p>
Moderation: Jens Fliege
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taz bremen, Montag, 25. Oktober 1999
