"Dich habe ich auch schon kopiert!"
Auf der letzten Popkomm stellte die deutsche Phonoindustrie ihre groß angelegte Initiative Copy kills Music vor. Mit der Aufklärungskampagne sollten vor allem Jugendliche für die finanziellen Verluste sensibilisiert werden, die der Branche durch Schulhofpiraterie in den letzten Jahren entstanden sind. Aber hilft gutes Zureden überhaupt noch oder können nur drakonische Maßnahmen die Schwarzbrennerei stoppen?, Smudo von den Fantastischen Vier kennt als Musiker und Mitinhaber des Labels Four Music beide Seiten des Geschäfts und war auch auf der Info-Tour dabei, die Copy kills Music an deutschen Schulen veranstaltet hat. Gegenüber Zeit im Internet holt er zum argumentativen Rundumschlag aus.
für Zeit im Internet sprach Jens Fliege mit dem Rapper
Zeit im Internet: Die Initiative, für die du unterwegs bist, wirbt mit dem Slogan "10000 schwarzgebrannte Cds zerstören eine Nachwuchsband". Bei 10 Millionen Schwarzkopien jährlich wären 1000 Nachwuchsbands davon betroffen. Soviel Nachwuchs fördert die Industrie doch gar nicht.
Smudo: Es macht nicht viel Sinn einen Kampagnenslogan zu zerpflücken. So ein Slogan ist ein Hingucker. Tatsache ist, dass heute weniger Platten verkauft werden, als noch vor ein paar Jahren. Und Tatsache ist auch, dass diese Entwicklung mit dem Brennen von Cds zusammenhängt. Dadurch werden Plattenfirmen immer investitionsmüder. Auch in unserem Label wird das immer mehr diskutiert. Wir vermuten, dass von dem neuen Album von Freundeskreis bestimmt 60000 Platten mehr verkauft worden wären, wenn es das Brenner-Problem nicht geben würde. Im besten Fall rechnet sich eine Band wie Freundeskreis erst nach dem dritten Album. Wenn in der empfindlichen Zeit davor 60000 Cds fehlen, dauert es noch länger, bis das investierte Geld wieder eingespielt ist. Eine von zehn Bands finanziert neun Flops.
Zeit im Internet: Schon in den 70er Jahren hieß es "Hometaping is killing music" und die Branche hat es überlebt. Ist Copy kills Music nicht ein grosses Scheingefecht? Schließlich hat die Industrie die Krise auf dem Tonträgermarkt durch schlechtes Management mitverursacht.
Smudo: Die ganze Situation ist sehr marode. Im letzten Jahr sind in den USA 3500 Jobs in der Branche weggebrochen. Auch hierzulande machen Plattenfirmen dicht. Die Intercord ist das beste Beispiel. Dabei hatte das Label mit Reinhard Mey, Pur und Fettes Brot gute Umsatzträger. Die Plattenindustrie darf momentan sowas wie einen Kompromiss nicht formulieren, weil sie damit Copy kills Music den Boden entziehen würde. Auch die wirklichen Dinosaurier der Branche, die Vertriebe und Händler, werden demnächst zu Zugeständnissen bereit sein müssen.
Zeit im Internet: Momentan ist im Gespräch, das Urheberrecht so zu verschärfen, dass auch das Kopieren für den persönlichen Gebrauch strafrechtlich verfolgt wird.
Smudo: Ein Ministerium mit über 500 Leuten macht sich dazu einen schlauen Kopf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine so blöde Lösung ernsthaft in Betracht gezogen wird. Tatsache ist aber, dass beim Urheberrecht was passieren muss, auch im Hinblick auf die globalen Verhältnisse.
Zeit im Internet: Immer mehr Nachwuchsbands weichen auf das Internet aus, um sich selbst zu promoten und ihre Musik zu vertreiben. Einige Internet-Anbieter haben darauf schon reagiert und bieten Download-Möglichkeiten an. Wird diese Entwicklung die traditionellen Vertriebswege verändern?
Smudo: Auf einem Label zu veröffentlichen ist für Nachwuchsbands immer noch der Königsweg. Wenn du bei einem Go-Kart-Rennen gewinnst, bist du auch noch lange nicht in der Formel-Eins. Schon vor dem Internet haben Bands Tapes gemacht und sie auf Konzerten verkauft oder anschliessend verschickt.
Zeit im Internet: Aber mit dem Internet ist ein grosser Multiplikator entstanden.
Smudo: Du vergißt dabei das Marketing. Wie soll ein potentieller Käufer für eine Band wissen, dass es diese Musik überhaupt gibt? Nur Marketing informiert ihn darüber. Eine Plattenfirma kann Marketing in einer ganz anderen Liga machen. Aber je mehr Bands es auf dem Markt gibt, desto verbissener und teurer wird das Marketing. Das ist die Hauptthematik und es ist unglaublich schwer, das einem siebzehnjährigen Brenner zu vermitteln.
Zeit im Internet: Im Dezember ging die Info-Bus-Tour von Copy kills Music zu Ende. Wie war die Resonanz bei den Schülern?
Smudo: Ich war nur auf einem der Info-Busse an der Emil-Krause-Schule in Hamburg. Vor unserem Bus standen ungefähr 250 Kids. Nach dem ersten, zögerlichen Herantasten kamen dann Sprüche wie "Dich habe ich auch schon kopiert!" oder "Meine Schwester steht auf euch!" Aber diejenigen, die rumpoltern, sortieren sich meistens schnell aus. Es bleiben die übrig, die wirklich diskutieren wollen. Wenn einer von den Schülern später eine Anzeige von Copy kills Music sieht, kann er das mit diesem Ereignis verbinden.
Zeit im Internet: Verbote fordern Jugendliche heraus. Wäre es nicht besser gewesen, wenn Copy kills Music statt des erhobenen Zeigefinger ein positives Motto gewählt hätte? So was wie: Du bist cool, weil du nicht die Kopie, sondern das Original hast. Bei Markenkleidung funktioniert das auch.
Smudo: Das ist nur die eine Lösung. Es müssen zwei Kampagnen her. Die eine heißt: Hier sind die Produkte und sie werden billiger. Das ist das Entgegenkommen der Plattenfirmen. Auf der anderen Seite muss der Schwarzbrenner aber auch moralisch in die Bredouille kommen. Das wird automatisch zur Aufwertung des Produktes führen.
Zeit im Internet: Heißt das nicht, dass die Jugendlichen kriminalisiert werden sollen?
Smudo: Jemand der übermäßig kopiert, muss dafür bestraft werden! Aber niemand verfolgt zur Zeit Schwarzbrenner, weil das viel zu teuer ist. Deshalb startet man Motivationskampagnen... Zeit im Internet: ...oder es werden vor Gericht Exempel statuiert, wie bei Mp3 schon geschehen.
Smudo: Die Jungs, die diese Musik im Netz anbieten, machen das sicherlich aus Liebe zur Musik und ganz bestimmt auch, weil sich die Plattenfirmen darüber aufregen. Aber wenn die Mp3-Seite ein so großer Erfolg wird, dass sie damit durch Werbung Geld machen können, wird es garantiert auch jemanden geben, der viel Geld dafür ausgibt, ihnen das Handwerk zu legen. Im Übrigen glaube ich daran, dass der Konsument ein großes Interesse daran hat, bedient zu werden. Es ist unbequem in Wildwestmanier über Mp3-Seiten surfen zu müssen und sich immer wieder durch abgebrochene Downloads frustrieren zu lassen. Natürlich müssen die Angebote der Labels attraktiv gestaltet werden. Erst wenn es komfortabel ist, auf einer offiziellen Seite das Angebot gegen ein paar Mark runterzuladen, anstatt auf überfüllten illegalen Seiten zu gehen, wird legale Musik im Netz eine Chance haben.
Zeit im Internet: Vielen Dank für das Gespräch.
© Die Zeit 2/2000