Von der Aufklärung zur Subversion
Aus dem Klappentext:
Aufklärung und Subversion - mit diesen zwei Ausdrücken
versucht der Autor dieses Buches die Entwicklung deutschsprachiger
Popmusik von den späten 60er Jahren bis in die frühen
80er Jahre zu charakterisieren. Warum der Pop-Song hierzulande erst
nach der "New Wave" über die Ausdrucksmöglichkeiten
verfügte, die in der anglo-amerikanischen Popmusik schon seit
den späten 60er Jahren vorhanden waren und warum sich aus der
"Agitationswut" der frühen 70er Jahre nur Ton Steine Scherben
in das nächste Jahrzehnt retten konnten - davon handelt diese
1997 in Oldenburg verfasste Magisterarbeit.
ISBN 3-8258-3388-7
Das folgende Kapitel "Das "Erbe" der 60er Jahre" leitet den zweiten Teil des Buches ein und versucht die sozio-kulturellen Bedingungen nachzuzeichnen, unter denen Ende der 60er Jahre "Polit-Rock" und "Krautrock" entstanden.
Das Erbe der 60er Jahre
Über Gegenkultur in der zweiten Hälfte der 60er Jahre schreibt Dick Städtler, ein Mitglied der Gruppe Floh de Cologne, im Zusammenhang mit ihrem Auftritt auf den "Essener Song-Tagen":
So traten wir an unter dem alles einschließenden Namen UNDERGROUND. Das war Haschisch plus Sexrevolution plus Sozialismus plus Anarchie plus Kämpfen geteilt durch Anti. UNDERGROUND war links. Alle, die anti waren, waren links.1
Diese plakative Formel, mit der Städtler die Position der Gegenkultur Ende der 60er Jahre zu beschreiben versucht, verdeutlicht in verschiedener Hinsicht Grundkonstellationen, aus denen das Selbstverständnis der westdeutschen Protestbewegung erwuchs. Wie selbstverständlich anmutend, waren alle gegenkulturellen Äußerungen durch eine Opposition geprägt, die sich links definierte. Der klassische Marxismus und die kritische Theorie der Frankfurter Schule, die Sexualökonomie Wilhelm Reichs, die Politik in Rot-China und der Kampf des Vietkong, um nur die bestimmendsten Einflüsse zu nennen, formten das Bewusstsein einer Jugend, die sich als erste Nachkriegsgeneration als Teil einer internationalen Jugendbewegung wahrnahm und sich in diesem Sinne auch solidarisierte:
In den USA gab es die Hippies und die Black Panther, in Amsterdam die Provos, in Japan die Zengakuren, in Lateinamerika die Guerilleros, in Vietnam den Vietcong, in China die Roten Garden. Die Summe bildete eine globale Befreiungsbewegung. Man fühlte sich eins mit den Unterdrückten dieser Erde, im Einklang mit den Abermillionen, die siegessicher den Weg zur besseren Zukunft gingen. Man war gewiss, diesen Sieg in einer kurzen Spanne von Jahren selber zu erleben.2
Städtlers Bezeichnung "Underground"3 macht eine Nähe zu US-amerikanischen Vorbildern deutlich, denen sich Floh de Cologne im speziellen und die westdeutsche Jugendbewegung allgemein verbunden fühlten. Die Hippie-Bewegung, die in den USA um 1965 aufkam und Ende der 60er Jahre ihren Zenit überschritt, setzte sich auch in Deutschland un- ter denjenigen durch, die in dieser Form gegenkulturellen Lebens eine bestimmte anti-kapitalistische und emanzipatorische Utopie durchsetzen wollten. In der Bundesrepublik lagen die Verhältnisse anders als in den USA. Hier stand die Utopie der Hippies dem Kampf der außerparlamentarischen Opposition um eine sozialistische Gesellschaft gegenüber. Dabei stach die Kaderorganisierung der sozialistischen Linken scharf ab von dem, was von Dick Städtler als "Underground" bezeichnet wird:
Die Studentenbewegung war durch und durch autoritär strukturiert. Der SDS war eine elitäre Vereinigung unter der Führung weniger, die sich oftmals fast geheimbündisch absprachen. Die Mehrheit folgte atemlos den theoretischen Erörterungen und nahm dankbar jedes politische Stichwort in den eigenen Sprachschatz auf.4
Dem "Underground" widerstrebte eine straffe Organisierung der Strukturen, wie sie etwa der SDS praktizierte. Es ging auch nicht um eine einheitliche, auf eine sozialistische Utopie bezogene Handlungsweise. Hollstein fasst das Anliegen des "Underground" so zusammen:
Bescheidener als YIP die Yippies d. V., wenn auch nicht immer erfolgreicher, gab sich die Underground-Bewegung, der es zunächst einmal um die Organisierung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder ging, bevor sie Pläne totalen Umsturzes formulierten. Insbesondere die Hippies und deren Nachfolger versuchten, im Untergrund einen herrschaftsfreien Raum zu schaffen und nannten sich deshalb auch 'Underground '. Eine Gegen-Ordnung von Gegen-lnstitutionen sollte den Prozess permanenter Revolutionierung des Bestehenden tragen und ihn vorantreiben.5
Die enge Vernetzung des amerikanischen Underground mit Zeitungen, Radiostationen, Nachrichtendiensten, Gegen-Universitäten, Gegen-Schulen und Gegen-Kindergärten, wie Hollstein sie weiter beschreibt, wurde in der Bundesrepublik nicht erreicht. Hier lagen die Verhältnisse anders. Die APO und der SDS förderten die Auseinandersetzung mit marxistisch-leninistischem Gedankengut, das neben der antiautoritären Literatur die theoretische Grundlage des oppositionellen Selbstverständnisses bildete. Der Unterscheid machte sich auch bei den Musikern bemerkbar.
Floh de Cologne veranstalteten zwar, ähnlich wie die
"Mothers of Invention" oder die "Fugs" Happenings, die provozieren
sollten, übergossen sich auf der Bühne mit
Schokoladensoße und lasen aus Haschisch-Kochbüchern vor.
Die Gruppe aber zu diesem Zeitpunkt, in Äquivalenz zu ihren
amerikanischen Vorbildern, als "Underground-Rockband" zu
bezeichnen, träfe nicht den Kern ihres
Bühnen-Engagements. Die Band war aus universitären
Zusammenhängen entstanden und wies dementsprechend eine
Nähe zur APO auf, deren Tagungen sie mit politischem Kabarett
begleiteten. Mit Popmusik hatte das nichts zu tun. Hier fehlten die
nötigen Grundlagen für die musikalische Praxis, wie die
Country-Musik und der Rhythm & Blues, in die
anglo-amerikanische Musiker hineingewachsen waren. Traten Floh de
Cologne auf, so klangen sie, den kommunistischen Traditionen der
Bewegung entsprechend, mehr nach Franz-Josef Degenhardt als nach
Frank Zappa oder Tuli Kupferberg und Ed Sanders6. Mit ihren
Inhalten und ihrer Bühnen-Präsentation war die Gruppe
mehr darauf ausgerichtet, das Publikum zu agitieren, als in
bissiger Form textliche und musikalische Elemente aus ihrem
popmusikalischen Zusammenhang zu reißen und neu zu
collagieren. Mit dieser typischen Produktionsweise
US-amerikanischer Underground-Bands waren Floh de Cologne, wenn sie
sie auch schätzten, nicht vertraut.
Die Entwicklung einer eigenständigen Rezeptions- und Arbeitsweise mit Popmusik begann sich Ende der 60er Jahre gerade erst mit deutschen Bands, wie "Amon Düül" oder "Can" abzuzeichnen. Ähnlich wie vor ihnen die "Rattles" und die "Lords" bevorzugten auch diese Bands englische Texte und legten ihren Schwerpunkt auf die Produktion eines eigenständigen Sounds7, der später unter dem Namen "Krautrock" bekannt werden sollte. Diese Musik hatte mit den theoretischen Positionen der linken Opposition wenig zu tun. Die Intention des "Krautrock" war es, "kosmische" Klangwelten zu erzeugen. In diesem Sinne schreibt Julian Cope in einem Überblick über den "deutschen Sonderweg" "Krautrock":
Während des Jahres 1967 sah es für eine Zeit so aus, als ob Deutschland eine kulturelle Provinz von England und Amerika werden würde. Die Psychedelik kam sechs Monate zu spät, aber sie blieb für immer.9
Mit dem "Krautrock, der wesentliche Elemente der Hippie-Utopie in sich aufnahm, etablierte sich nach dem Ableben der APO Anfang der 70er Jahre eine Jugendkultur, die das gegenkulturelle Erbe des "Underground" nicht nur auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse übertrug, sondern es in einer spezifischen Art und Weise konservierte. Zu einem Zeitpunkt, als sich die friedliche Hippie-Utopie in den USA nach den Manson-Morden und den blutigen Krawallen von Altamont10 schon in ihr Zerrbild zu wandeln begann, war die gegenkulturelle Saat in der Bundesrepublik gerade im Begriff, in weiten Teilen der Jugendkultur aufzugehen. Sie schufen sich in Hausbesetzungen, Landkommunen, selbstverwalteten Jugendzentren11 und Kinderläden ein Terrain, in dem an der Verwirklichung einer alternativen Gesellschaft forciert gearbeitet werden konnte. Der "Krautrock" lieferte dazu die passende Untermalung. Doch ein wichtiges Element, das das Selbstverständnis der gegenkulturellen Bewegung in den 60er Jahren entscheidend geprägt hatte, ging dieser Musik vollständig ab. Ihrem Hippie-Sein fehlte jeder Bezug zu politischer Aufklärung und Agitation. Gerade darin waren die Aktivisten der Gegenkultur durch ihre Arbeit in der APO außerordentlich geschult. Die langen Haare, neben anderen Zeichen der Verweigerung das Symbol, das den stummen Protest der Hippies nach außen signalisierte, genügten nicht. Um dem Bedürfnis nach Agitation nachzukommen, entstand in der Bundesrepublik der "Polit-Rock". In ihm manifestierte sich eine Sprechweise, in der sich nicht nur die konkreten politischen Zielsetzungen der Neuen Linken ausdrückte, sondern auch ihre Vorstellungen von einer Umgestaltung der Gesellschaft.
Nach dem politischen Scheitern der Studentenrevolten verlagerten sich die Hoffnungen von den Universitäten auf andere Gruppen der Gesellschaft. Auf der Suche nach einem neuen revolutionären Subjekt, schien die Arbeiterklasse dazu befähigt, die Hoffnungen und Wünsche der "Jungrevolutionäre" zu tragen: Die revolutionären Studenten verließen das Terrain der Hochschulreform und des antiimperialistischen Protests. Nach den Septemberstreiks erschien ihnen die westdeutsche Arbeiterklasse nicht mehr als einheitlicher feindlicher Block. Lehrlinge und junge Arbeiter schlössen sich den studentischen, neugegründeten Basisgruppen an. Eine Revolution unter der Führung der Arbeiterklasse anzustreben, erschien nicht mehr als ein Jenseits des Vorstellbaren.12
Diese Meinung wurde nicht einheitlich gebilligt. Ein Teil der ehemaligen APO vertrat die These, dass die Studenten einen stellvertretenden Kampf für das Proletariat zu führen hätten. Seit 196 wurde in alternativen Wohnprojekten, wie der "Kommune I" praktisch daran gearbeitet, die bürgerliche Sozialisation der Kleinfamilie durch neue Lebensformen zu ersetzen. Ein anderer Teil radikalisierte sich zunehmend und versuchte das Konzept der "Stadtguerillia" auf bundesrepublikanische Verhältnisse anzuwenden. Gruppen, wie die "Rote Armee Fraktion" oder die "Bewegung 2. Juni" entschlossen sich zum bewaffneten Kampf, der trotz immer wieder aufflammender Diskussionen um die Gewaltfrage als ein Weg innerhalb der Gegenkultur gebilligt wurde.
So sehr die Mittel, die zu einer radikalen Umgestaltung der Gesellschaft führen sollten, in den Zusammenhängen auch verschieden waren und trotz theoretischer Differenzen, waren diese doch von einem einheitlichen Grundgefühl und einer breiten Solidarität geprägt.
Grundlegend war die Annahme, dass die Industriegesellschaft eigentlich bankrott sei, da sie "ihren organisatorischen und rationalen, sinnhaften Glanz, ihre Überzeugungskraft eingebüßt"13 habe.
Die "Selbstausgliederung aus dem übermächtig gewordenen gesellschaftlichen Evolutionsprozess"14 erschien unter diesem Aspekt eine notwendige Konsequenz der revolutionären Praxis. Der Sozialismus leistete zu dieser Zeit noch "praktische Integrationsarbeit" in der Alternativkultur, da er ein kollektives Deutungsangebot für eine gemeinsame Identität bereit stellte.15
Der "Polit-Rock" in der Bundesrepublik, um dessen Sprechweise es in den folgenden Abschnitten gehen soll, verdeutlicht dies. Er war das Ausdrucksmedium einer politisierten Gegenkultur, deren bis dato stumme, weil englischsprachige Popkultur zu dieser Zeit nach adäquaten Artikulationsmöglichkeiten suchte, die die Sehnsüchte und Ängste ihrer Protagonisten fassen und transportieren konnte.
Fussnoten:
1) Dick Städtler: Internationale Essener Song-Tage 68, in: Rock gegen Rechts, hrsg. v. Floh de Cologne, Dortmund 1980, S. 18.
2) Detlef Michel: Maos Sonne über Mönchengladbach. Die Sehnsucht der Intellektuellen nach dem Einfachen, in: The Roaring Sixties. Der Aufbruch in eine neue Zeit, Reinbek 1986, S. 251-255.
3) Der Begriff "Underground" kann, so wie bei Hollstein, auf einen bestimmten zeitlichen Rahmen bezogen werden, obwohl er oft auch weiter gefaßt wird, um die verschiedensten, nicht immer genau zu erklärenden Phänome zu beschreiben. In der Regel fällt er mit einem bestimmten subkulturellen Ereignis, wie z. B. der Entstehung des Punk 1975/76 in New York und London zusammen. Eine andere Paraphrasierung des Begriffs findet sich im Anhang des ACI D-Reader von R. D. Brinkmann und R. R. Rygulla. Dort wird er mit "voroffizieller Bereich" übersetzt.
4) Michel: Maos Sonne über Mönchengladbach, S. 251.
5) Hollstein: Der Hedonismus in den Subkulturen, S. 102.
6) Frank Zappa war bis in die 70 er Jahre hinein Frontmann der "Mothers of Invention". Tuli Kupferberg und Ed Sanders, in erster Linie Underground-Dichter, arbeiteten mit den "Fugs" zusammen. Für beide Gruppen gilt, daß sie, wegen ihrer zahlreichen Tabus verletzenden Songs und Bühnen-Präsentationen, als "Bürgerschrecks" und "Provokateure" galten.
7) Der Sound ist ein wesentlicher Bestandteil eines popmusikalischen Arrangements: "(Er) umschreibt in der Rockmusik mehr als die bloß-physikalisch-akustische Erscheinung. Seine Farbwirkung, das Raffinement eines häufig vielschichtigen Designs mit Hilfe von Wah-Wah, Distortion, Compression, Equalizing, Pitch-Shifting, Phaser, Flanger, Chorus, Delay, Echo, Hall - um hier nur die bekanntesten Komponenten eines modernen Gitarrensounds zu nennen -, all diese Komponenten sind an eine Klangwucht gebunden: Rockmusik ist sui generis laut, körperlich spürbar (...)". Kemper: "Der Rock ist ein Gebrauchswert", S. 895.
8) Zu der Entwicklung des "Krautrock" in Berlin, München und Düsseldorf/Köln, siehe auch: Johannes Rüther, Mechthild von Schoenebeck: Rock in Deutschland - Deutschrock, in: Rockmusik, hrsg. v. Günter Kleinen, Werner Klüppelholz, Wulf Dieter Lugert, Düsseldorf 1985, S. 31-51.
9) Julian Cope: Krautrock: Kosmische Echos, in: Spex, 3,1995.
10) Einen anschaulichen Stimmungsbericht über das Umkippen der Hippie-Utopie in Kalifornien liefert Ed Sanders in seinem Buch: The family: die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy-Streitmacht, Reinbek 1972.
11: In der Jugendzentrumsbewegung entstanden soziokulturelle Zentren, die von Jugendlichen selbstverwaltet wurden. Auch hier wurde die Organisierung mit einem politischen Anspruch verknüpft. Es wurde davon ausgegangen, "dass die basisdemokratische Selbstverwaltung dieser Frei-zeiteinrichtungen auch Auswirkungen auf das Verhalten der Nutzer in der Schule und am Arbeitsplatz haben würde." In diesem Sinne kämpften die Jugendlichen für eine "Freizeit ohne Kontrollen". Vgl. Irene Hübner: Kulturzentren. Gesellschaftliche Ursachen, empirische Befunde, Perspektiven soziokultureller Zentren. Weinheim, Basel 1981, S. 85 f.
12: Greifen nach Sternen und Steinen. Zum Lernprozeß und zur Selbstreflexion der Neuen Sozialen Bewegungen (1968-1988), hrsg. v. Anne Dudeck, Rainer Marbach und Gerhard Stamer, Frankfurt und Hannover 1989, S. 68.
13: Peter Gorsen: "Lebensreform" und "Alternativkuftur". Notizen über Beschädigungserfahrungen, in: Neue Rundschau, 1983, Heft 3, S. 57..
14: Ebd., S. 58. 57: Siehe dazu auch: Hauke Brunkhorst: Marxismus und Alternativbewegungen: Neue Rundschau, 1981, Heft 1, S. 100-125. n
