Mit Vera auf dem Uniserver
Was Studenten im Internet wirklich suchen. Von Jens Fliege
"Oaaaaahhhhhh, was bin ich geil!", gesteht eine "Vera" auf dem Monitor, "dabei dürfte ich es meiner Erziehung nach eigentlich gar nicht sein. Mutter sagt immer: Frauen sind nicht geil oder heiß. Frauen wollen geliebt werden! Dabei ist mir Liebe im Moment völlig egal. Ich will f...!" Vera, die es so heftig ins Internet drängt, präsentiert ihren sexuellen Notstand nicht etwa unter www.sex.de, sondern auf dem Server der Universität Frankfurt - nur ein paar Links vom Vorwort des Präsidenten zum diesjährigen Forschungsbericht entfernt. "Die Goethe-Universität", heißt es dort, "betreibt trotz enger Budgets Lehre und Forschung auf einem kontinuierlich hohen Niveau."
Tatsächlich, auf einer versteckten Uni-Website unterwerfen sich Frankfurts Studenten einer rigorosen Analyse ihrer erotischen Phantasien. Veras Beitrag befindet sich auf den Seiten "Normal-Straight". Es gibt aber noch weitere Rubriken: "Schwul & Lesbisch", "SM, Erziehung", "Solosex" und "Gruppensex". Damit auch Gaststudenten nicht zu kurz kommen, wurde sogar extra eine Ecke mit englischen Storys angelegt. Für jedes Forschungsinteresse ist etwas dabei.
Bertram Mayhoff* ist der heimliche Star auf dem Server des Rechenzentrums. 50 bis 60 Geschichten hat der Jurastudent in seiner erotischen Web-Bibliothek versammelt. Die meisten wurden ihm von jenen zugeschickt, die sein Lektüreangebot im Netz besuchen. Trotz unterschiedlicher sexueller Vorlieben haben alle Autoren etwas gemeinsam: Sie nutzen die Anonymität des Internet, um ihre erotischen Erlebnisse oder Phantasien niederzuschreiben.
Unentdeckt vom Systemadministrator oder zumindest still geduldet, fristete die Textsammlung bis Anfang letzten Jahres ihr Dasein in den Untiefen des Uniservers. Der Geheimtipp wurde bekannt, als der Informatikdoktorand Thomas Berker, der den Uniserver im Rahmen seiner Dissertation untersuchte, den erotischen Handapparat zutage förderte und unter dem Link "Erotik" auch Uneingeweihten zugänglich machte. Auf keine andere Homepage des Servers, so fand Berker heraus, wurde Ende Januar, Anfang Februar 1998 so häufig von außen zugegriffen.
Studenten in aller Welt nutzen den Internet-Zugang durch ihre Uni nicht nur unter streng fachspezifischem Gesichtspunkten. Entsprechende Erfahrungen macht man auch jenseits des Großen Teiches. Laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Timothy Rumbough (Pennsylvania) durchforstet ein Drittel aller befragten Studenten das Internet systematisch nach Sexseiten. "Das hat was mit dem Reiz des Verbotenen zu tun", meint Online-Forscher Bernad Batinic von der Universität Erlangen. "Sexangebote sind immer was Ungewöhnliches. Und Studenten sind experimentierfreudig: Wo liegen die eigenen Grenzen, und welches Passwort kann ich knacken?" Auch das Cracken neuer Spiele und Bastelanleitungen für synthetische Drogen und Bomben stehen hoch im Kurs. Doch Batinic beschwichtigt: "Wenn Sie in der Universität verkünden, dass unter einer bestimmten Adresse ein Bastelplan für eine Bombe liegt, werden die Zugriffszahlen für diese Seite in die Höhe schnellen und trotzdem keine Bomben gebaut."
Die Systemadministratoren lassen den akademischen Nachwuchs in der Regel gewähren. Zwar könnten die Schmuddelecken des Internet leicht mit entsprechenden Webtools blockiert werden. Aber Universitäten lassen sich als Bildungsinstitutionen nur ungern die Freiräume für Forschungen beschneiden - auch im Internet. Schließlich könnten die hohen Zugriffsraten auf einschlägige Domains auch auf das Konto eines Forschungsprojekts zu diesem Thema gehen.
Restriktionen gibt es trotzdem. Die Rede ist von den mehr und minder seriösen Diskussionsgruppen, die irn Usenet entstehen, das gern als "Schwatzbude des Internet" bezeichnet wird. Tatsächlich handelt es sich aber um einen faszinierenden Erlebnisraum für alle diejenigen, die in der analogen Welt ihre Überzeugungen nicht ausreichend diskutieren können - Studenten beispielsweise.
Im Usenet kann jeder seine Meinung zu einer aktuellen politischen Krise kundtun oder seine Gedanken über Kants Verstandesbegriff - prompte Antworten und Kommetare sind ihm gewiss. Doch wenn ein Student seine sexuellen Vorlieben zur Diskussion stellen möchte, muss er den heimischen PC benutzen. Die Rechenzentren der Universitäten blenden hier aus. Blockiert werden alle Newsgroups, die die Silbe "Sex" im Namen tragen.
Das Interesse an Themen wie Freizeit, Erotik und Sex war und ist immer eine der treibenden Kräfte in der Entwicklung des Internet. "Wenn man sich die aktuellen Neuerungen im Netz anschauen will, muss man auf Sexseiten gehen", erklärt Batinic. "Die Sexindustrie hat als erste Branche Online-Shopping-Systeme eingeführt. Alles was mit Film- und Tonwiedergabe zu tun hat, wurde auf Sexseiten vorangetrieben." Neben dem Kommerz existieren aber auch Ecken, die nur aus Spaß an erotischer Konversation entstanden sind. Solche "Ecken" können Newsgroups sein, Chat-Räume oder erotische Web-Bibliotheken der Art, wie sie auf dem Frankfurter Server zu finden sind.
Von Anfang an entwickelten sich parallel zum "offiziellen" Internet Kanäle für private und verschwiegene Interessen. 1969 entstand mit der Vernetzung der Großrechner das legendäre "Arpanet". Als Kind des Kalten Krieges sollte das Arpanet ausschließlich der Erforschung von widerstandsfähigen Großrechnervernetzungen dienen. Doch mit der Erfindung der E-Mail, mit der Wissenschaftler die Kommunikation zwischen den Standorten der Rechner erleichtern wollten, war gleich auch ein Medium für sachfremde Kontakte erfunden worden. In den späten siebziger Jahren entstand das Usenet, das die Flut elektronischer Briefchen zu organisieren begann. Die Post wurde sortiert und Themenbereichen zugeordnet. Für wissenschaftliche Diskussionen wurde das Kürzel "sci" eingeführt. Auch andere Bereiche, wie Gesellschaftspolitik, Computer oder News bekamen eigene Kürzel. Alles, was mit dem prallen Leben selbst zu tun hatte, sammelte 1988 der Amerikaner Brian Reid im Verteilerfach "alt" (für Alternative). Heute ist dieser Bereich, dem nichts Menschliches fremd ist, der mit Abstand populärste im Usenet.
"Vera" allerdings mit ihren menschlichen Bedürfnissen nach geschlechtlicher Vereinigung würde über das Usenet keinen Kontakt zu Frankfurter Kommilitonen finden. Insofern ist die erotische Web-Bibliothek des Frankfurter Uniservers mehr als unterhaltsam. Sie ist subversiv!
* Name von der Redaktion geändert
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